Leon und Fayt saßen im Hauptquartier von East City in dem Büro, das sich Roy, Hawkeye, Havoc, Farman, Breda und Fury teilen mussten, am Boden, Leon in ein Laken gehüllt, das ihn wärmen sollte, Fayts riesiges Loch notdürftig mit einer Plane abgedeckt. ,,Großer Bruder... was passiert jetzt mit Marcoh?", fragte Fayt. ,,Der Führer sagte, er würde sich um ihn kümmern.", meinte Leon, zu Boden schauend und niedergeschlagen. Er sah auf ein zusammengeknülltes Blatt Papier in seiner ihm verbleibenden rechten Hand. ,,Was sollen wir tun?", fragte er sich selbst laut. Das Blatt Papier hatte Marcoh heimlich fallen lassen, bevor er mit der Sekretärin von King Bradley ins Auto gestiegen war.
Bibliothek in Central City, erste Abteilung
"Die echte Wahrheit, versteckt hinter der Wahrheit"
Tim Marcoh
Dies stand auf dem Blatt. ,,Die Bibliothek in Central City?", las Fayt verwundert davon ab. ,,Marcoh hat die Forschungsdaten absichtlich in der Nähe des Militärs versteckt.", sagte Leon. ,,Und was bedeutet das?", fragte Fayt und deutete auf die Worte "Die echte Wahrheit, versteckt hinter der Wahrheit". ,,Weiss ich nicht.", antwortete Leon. ,,Aber wie dem auch sei, behalte das bitte für dich. Keiner darf davon wissen, nicht einmal der Oberst." ,,Großer Bruder?", fragte Fayt. ,,Ich weiss nicht, ob ich... ihnen vertrauen kann.", sagte Leon, an Winrys Eltern denkend, die von Roy ermordet worden waren.
,,Humankind cannot gain anything without giving first something in return.
To obtain, something of equal value must be lost.
That is Alchemy´s first law of Equivalent Trade.
Some people believe that it´s the one and only truth of the world." (Auszug: Buch der Alchemie)
Roy hatte wie angeordnet das Büro des Führers betreten, das einst ihm gehört hatte. ,,Ich habe gehört, dass sie diesen Ort sofort verlassen müssen.", sagte Roy zum Führer und sah zu, wie dieser sein persönliches Hab und Gut in einen kleinen Koffer räumte. ,,Ja.", sagte King Bradley. ,,Nun, da wir wissen, dass Scar in East City ist, sorgen sich viele darum, wie die Dinge in Central City stehen. Mir tut der ganze Ärger hier Leid, aber ich muss zurück." ,,Bitte geben Sie vorher die Strafe bekannt.", bat Roy. ,,Strafe?", wiederholte King Bradley fragend und rückte sich die Augenklappe zurecht, die ein wenig verrutscht war. ,,Ich wusste, wo sich der Kristallalchemist aufhielt, aber ich habe nichts davon gesagt.", erklärte Roy. ,,Gute Arbeit.", lobte King Bradley ihn. Roy sah ihn verdutzt an. ,,Ich hatte ebenfalls daran gedacht, ihn zu beschützen.", sagte King Bradley und trat Roy gegenüber. ,,Mein direkter Untergebener, Gran, war dagegen... Aber er benutzte Marcohs Forschungen auf dem Schlachtfeld und bereitete Marcoh dadurch viel Leid. Ich weiss, es ist ein wenig spät dafür, aber ich möchte ihn dafür entschädigen." ,,Ist das so...", sagte Roy. ,,Aber diese Forschungen...", begann er. ,,Das ist alles.", unterbrach King Bradley ihn lächelnd und legte ihm väterlich eine Hand auf die Schulter. ,,Ich zähle auf Sie." Roy verbeugte sich vor ihm und ging zur Tür. ,,Ich wünsche Ihnen eine sichere Reise.", sagte er und verließ das Büro, das ihm bald wieder gehören würde. ,,Der Ring der Alchemisten existiert nicht.", sagte King Bradley mit ernster Miene zur nun geschlossenen Tür. Hawkeye, die vor dem Büro gewartet hatte, sah Roy besorgt an. ,,Ich bin in Ordnung, wie Sie sehen können.", sagte Roy zu ihr. Sie atmete erleichtert auf, und nahm dann wieder ihren typische Steife Haltung ein, den stechenden Blick wieder aufgesetzt. ,,Vielleicht würden es Ihnen einmal gut tun, wenn Sie bestraft werden würden.", meinte sie mahnend. Roy sah zur Tür des Büros. ,,Er zeigt absolut keine Schwäche.", sagte er. Ein lauter Schrei war von dem Büro her zu hören, das sich Roy mit den anderen teilte.
Der Schrei kam von Fayt, der in eine Ecke gerobbt war, als Armstrong ins Büro gestürmt hatte und sich plötzlich sein Militärshemd vom Leib gerissen hatte. ,,Hinter Erschaffung liegt Zerstörung! Ich werde dich mit allmächtiger Schönheit reparieren!", rief er und warf seine schier unzähligen Muskeln elegant in Pose, wieder einmal von einem merkwürdigen Glitzern umgeben; Farman, Havoc, Breda, Fury und Hughes, die ebenfalls anwesend waren, schüttelten nur ihre Köpfe. ,,Nein, danke...", erwiderte Fayt eingeschüchtert. ,,Die Methode, eine Seele an eine Rüstung zu binden...", sagte Roy, der mit Hawkeye das Büro betrat. ,,Nur eine Person kennt sie..." Er sah zu Leon. ,,Unser Metalljunge." ,,Ja.", sagte Leon, Roys Blick meidend. ,,Und um diese Methode anwenden zu können, brauche ich erst einmal wieder einen neuen linken Arm." ,,Ja...", stimmte Hawkeye zu. ,,Wenn Leonard keine Alchemie anwenden kann..." ,,Ist er nur ein großmäuliges Gör.", schloss Havoc belustigt. ,,Wie dem auch sei, ich werde losgehen und meine Mechanikerin besuchen.", sagte Leon. ,,Sie kennen sie, nicht wahr, Oberst?" ,,Ja.", antwortete Roy. ,,Dort habe ich damals einen nutzlosen Alchemisten im Bett liegen und rumflennen sehen. "Autsch! Autsch! Ich mach mir gleich in die Hose!" War es nicht so?" Leon grummelte. ,,Was wirst du tun, nachdem du einen neuen Arm bekommen hast?", fragte Hughes. ,,Ich will mir etwas in der Bibliothek von Central City ansehen.", entgegnete Leon. ,,Das wird aber eine lange Reise.", meinte Hughes. ,,Wenn dem so ist... Ich muss den Führer und die anderen begleiten. Keine Zeit also." Armstrongs Brustmuskeln zuckten merklich. ,,Ich kann nicht von hier weg.", sagte Roy schlicht. ,,Ich muss ihn im Auge behalten, damit er nicht nur Playboy-Heftchen ließt anstatt zu arbeiten.", sagte Hawkeye. Roy streckte ihr die Zunge heraus. Armstrongs Armmuskeln zuckten merklich. ,,Ich glaube nicht, dass ich diese beiden vor diesem gefährlichen Narbentyp beschützen kann.", meinte Havoc. ,,Bei uns ist es dasselbe!", riefen Farman, Fury und Breda sofort. ,,Dann ist es entschieden.", sagte Armstrong, warf sich in Pose und rief: ,,Während dieser Reise werde ich euch beide eskortieren!!!" ,,Ich brauche keine Eskorte!", protestierte Leon sofort lautstark und sprang auf. ,,Und was wirst du tun, wenn Scar dich in diesem Zustand angreift?", fragte Hawkeye. Leon erstarrte. ,,Und du kannst Fayt auch nicht alleine durch die Gegend schleppen.", meinte Havoc. Leon sah zu Fayt, der sich verlegen über den Metallkopf fuhr. ,,Kinder sollten auf Erwachsene hören.", meinte Armstrong. ,,Kinder!?!", wiederholte Leon zornig und wandte sich an Fayt. ,,Fayt, sag du auch was!" ,,Großer Bruder, jemand hat mich zum ersten Mal, seit ich diesen Körper habe, wie ein Kind behandelt!", weinte Fayt ihm überglücklich die Ohren voll. Leon starrte ihn ungläubig an. ,Nun denn, Leonard Elric... Fangen wir an zu packen.", sagte Armstrong.
Wenige Stunden später saßen Leon und Armstrong im Abteil eines Zuges im Bahnhof von East City, der nach Rizenbul, Leons und Fayts Heimatdorf, fuhr.
Fayt hingegen war hinten im Gepäcklagerraum mit Dutzenden von Schafen gelandet, die ihn allesamt anmähten. ,,Mäh!", machte Fayt die Schafe genervt nach. ,,Jemand hat mich zum ersten Mal, seit ich diesen Körper habe, wie Gepäck behandelt!", wimmerte er.
,,Meine Güte...", sagte Leon auf seinem Platz genervt und missachtete Armstrong dabei so gut es ging, der fast die gesamte Sitzbank einnahm und wieder einmal von einer seltsamen Ausstrahlung der Spleenigkeit umgeben war. Jemand klopfte vom Bahnhof her ans Fenster des Abteils. ,,Hmm?", machte Leon, wandte sich genervt um und erblickte Hughes, der ihm gutgelaunt entgegen grinste. ,,Kommen Sie schon, kaufen Sie ´ne Zeitung! Ich hab auch Tee!", bettelte ein kleiner Straßenjunge Hughes von der Seite her an. ,,Schooo!", machte Hughes nur zu ihm und bedeutete ihm, abzuhauen. ,,Hey, ich hab eine Nachricht von Roy.", sagte er zu Leon, während der Straßenjunge weiterhin hartnäckig stehen blieb. ,,Dem Oberst?", sagte Leon verdutzt. ,,"Sich um alle möglichen Sachen zu kümmern ist aufwendig, also wage es ja nicht in meiner Jurisdiktion zu sterben. Hab keine Lust auf den Papierkram".", zitierte Hughes Roys Nachricht. ,,Roger.", sagte Leon fauchend. ,,"Ich werde nie vor Ihnen sterben, Idioten-Oberst." Sag ihm das." Hughes kicherte amüsiert. ,,Und wenn du schon dabei bist, nimm doch gleich die Eskorte hier mit.", sagte Leon und nickte in Richtung Armstrong, der momentan in seiner eigenen Traumwelt der Muskeln vertieft zu sein schien. ,,Aber, aber...", sagte Hughes beschwichtigend. Dann setzte er auf einmal ein ernstes Gesicht auf und sagte: ,,Ich weiss nicht, was dir Marcoh erzählt hat, aber lass mich dir eines sagen: Vor drei Jahren wurde die Leiche eines Mädchens gefunden, das in eine Chimära mutiert worden war." Mit Trauer erinnerte sich Leon zurück an Nina, die von ihrem Vater in eine Chimära verwandelt und kurz darauf gestorben war. ,,Nina...", murmelte er bedrückt. ,,Die Ursache ihres Todes... Es war dieselbe Methode, die Scar bei seinen Opfern benutzt.", fuhr Hughes fort. Leon erstarrte, Bilder von Nina in seinem Gedächtnis vorbeiziehend: Nina beim Spielen... Nina als Chimära im dunklen Arbeitszimmer Tuckers im Keller... Die Überreste der Chimära an der Wand in der dunklen Gasse... Ein boshaftes Grinsen breitete sich auf Leons Gesicht aus. ,,Danke.", bedankte er sich bei Hughes. ,,Jetzt kann ich gegen ihn kämpfen." Hughes seufzte und sagte: ,,Treffen wir uns in Central City. Ich werde eine Bitte an die Bibliothek schreiben, dass sie dir Zutritt zur ersten Abteilung gewähren." Der Straßenjunge rannte aufgeschreckt hinter einen Stapel voll Mehlsäcke in einem abgelegenen Teil des Bahnhofes. ,,Central City!", rief er sofort. ,,Die erste Abteilung Bibi... Bili... der Bi-Irgendwas!" ,,Die erste Abteilung der Bibliothek in Central City?", fragte Scar nach, der sich hinter den Mehlsäcken versteckt hatte. Der Straßenjunge nickte, Tränen in den Augen. ,,Und jetzt rück sie raus!" Scar packte ein kleines Mädchen, ein wenig jünger als der Junge, und schubste es zu ihm. ,,Großer Bruder!", weinte das Mädchen und warf sich ihrem großen Bruder in die Arme. ,,Tut mir Leid.", entschuldigte sich Scar bei den beiden Kindern und schlug in die Mehlsäcke. Es entstand eine Wolke aus Mehl, die Scar nutzte, um sich davonzustehlen.
Marcoh saß in einem Zimmer in einer entlegenen Absteige East Citys, als es an seiner Zimmertür klopfte. ,,Die Antwort!", rief Marcoh, sprang vom Bett des Zimmers auf und stürmte zur Tür. ,,Wie lautet die Antwort des Führers?" Er öffnete die Tür und blickte in das grinsende Gesicht Lusts. Er wolle die Tür schnell wieder schließen, doch messerscharfe Nägel schossen durch den Türspalt und verhinderten eben dies. Lust betrat das Zimmer, ihre spitzen Fingernägel auf Marcoh gerichtet, der erstarrte, als er ein blutrotes Brandmal oberhalb ihrer Brust erblickte: Ein Dreieck, das aus drei Dreiecken zusammengesetzt war und von einem geflügelten Höllenhund umgeben war. Ein Fingernagel schoss weiter in die Länge, stach durch Marcohs linke Brusthälfte und stieß ihn zu Boden, so dass er gegen das Bett krachte. Blut sickerte in Strömen aus der Fleischwunde und den Arm hinunter zum Boden, wo sich ein roter See bildete. Marcoh schrie vor Schmerzen. ,,Sie haben dem Jungen erzählt, wo Sie die Forschungsdaten versteckt haben, richtig?", fragte Lust vergnügt und stieß die Zimmertür zu. ,,Ich weiss nicht, wovon Sie reden...", erwiderte Marcoh keuchend. ,,Ist schon in Ordnung.", sagte Lust und kam ihm näher. ,,Jetzt wird der Junge dem Ring der Alchemisten näher kommen können. ,,Aber wenn etwas Unwichtiges in diesen Daten geschrieben steht, könnte das Probleme bereiten." ,,Er ist intelligent.", sagte Marcoh lächelnd. ,,Wenn er die Daten liest, wird er nicht tun, was ihr wollt..." Lust begann den Nagel, der in Marcohs Brust steckte, langsam und schmerzvoll zu drehen. Marcoh stieß einen erstickten Schrei aus. ,,Deswegen werde ich selbst einen Blick darauf werfen, um sicherzugehen, dass dies nicht der Fall ist.", erklärte Lust. ,,Das ist unmöglich.", stöhnte Marcoh, sein Gesicht zu Boden gewandt. Lust sah verdutzt drein. ,,Du wirst... hier sterben!", schrie Marcoh und berührte den Mutations-Zirkel, den er unbemerkt mit seinem eigenen Blut gezeichnet hatte. Ein Speer schoss durch Lusts Herz und hievte sie in die Luft, wo sie reglos schweben blieb, getragen durch den Speer. Marcoh lachte triumphierend. ,,Ahahahaha!!!", lachte auch Lust triumphierend, was Marcoh das Blut in den Adern gefrieren ließ. ,,Wie unhöflich von Ihnen...", sagte sie und wischte sich das Blut vom Gesicht, das ihr aus dem Mund geronnen war. ,,Ich bin gerade gestorben. Nicht nett." Sie zerhackstückelte den Speer mit ihrem langen Nagel und landete wieder am Boden, ihre Wunde sofort verheilend. ,,Ich... verstehe...", röchelte Marcoh zitternd. ,,Die Gerüchte sind also wahr. Du bist ein..." ,,Gluttony!", rief Lust, und die Tür ging erneut auf. Gluttony trat ein, eines der Zimmermädchen, das haltlos vor Angst zitterte, halb in seim weit aufgerissenen Maul. ,,Sagen Sie es mir. Wo sind die Forschungsdaten?", fragte Lust erneut.
Nach zwei langen Stunden Dauerlaberns seitens Armstrong hatte sich Leon in das Gepäckabteil des Zuges verzogen, um nach Fayt zu sehen. ,,Mann, dieser Typ ist so was von nervig...", nörgelte Leon, während er durch die Mengen an Schafen stapfte. ,,Dieser alte Mann hat gelabert und gelabert... Und immer nur von der ach so noblen Abstammung seiner Familie. Wenn er mir wenigstens mal eine Verschnaufpause zwischendurch lassen würde, aber nein..." Er stoppte, denn er hatte noch kein Wort von Fayt gehört. ,,Fayt?", fragte er und sah sich verdutzt im Abteil um. Fayt war nirgendwo zu sehen. ,,Fayt?", rief er und kroch zwischen den Unmengen an Schafen herum. ,,Fayt? Fayt?"
Er stürmte zurück in das Abteil, was er sich mit Armstrong teilte und rief: ,,Jemand dachte, Fayt sei Gepäck und hat ihm beim letzten Bahnhof abgesetzt!" Er klappte das Fenster hoch. ,,Das ist nicht gut.", sagte Armstrong besorgt. ,,Warten wir, bis der Zug am nächsten Bahnhof anhält und kehren dann um." ,,Ich kann nicht warten!", rief Leon und streckte einen Fuß aus dem Fenster. ,,Na, na.", sagte Armstrong und packte das linke Bein, was noch im Zug war. Die Hose riss und gab den Blick auf sein Auto-Mail-Bein frei. ,,Nerven Sie mich nicht!", schrie Leon ihn an. ,,Beruhige dich, Leonard Elric.", sagte Armstrong beschwichtigend.
Fayt saß auf einem vollkommen heruntergekommenen und kleinen Bahnhof in seiner Kiste, den Kopf heraus, und starrte in die Gegend. ,,Schätze, da konnte man nichts machen...", seufzte er. ,,Wenn eine Rüstung wie ich sagt, ,,Nein, hier muss ich noch nicht raus!", hätte sich die Person zu Tode erschrocken." Er sah hinauf zum mit immer noch schwarzen Wolken verhangenem Himmel. ,,Großer Bruder, ich hoffe, du findest mich schnell." Es begann zu regnen. ,,Jetzt wünschte ich, ich könnte heulen." Aus einem Gebüsch in der Nähe kroch ein Jugendlicher um die dreizehn Jahre. Er starrte Fayt eine Zeit lang an, dann rannte er auf ihn zu und besah ihn sich. Er nahm den Kopf von Fayt ab und lächelte.
Als Fayt und Armstrong den Bahnhof erreichten, war Fayt nicht mehr in seiner Kiste. ,,Nie im Leben würde er von alleine abhauen!", schrie Leon den Schaffner an, während Armstrong in aller Ruhe etwas auf ein Blatt Papier malte. ,,Sind Sie sich sicher, dass die Rüstung so aussah?", fragte Armstrong den Schaffner schließlich und hielt ihm das Blatt hin, auf das er eine perfekte Zeichnung Fayts gemalt hatte. ,,Ja.", antwortete der Schaffner nickend. ,,Sie sind wirklich gut im Zeichnen." ,,Dies Porträtierungs-Technik, die von Generation zu Generation in meiner Familie weitervererbt wurde.", erklärte Armstrong und posierte wieder, diesmal aber dankenswerterweise ohne sich das Hemd vom Leib zu reißen. ,,Dafür haben wir keine Zeit!", fauchte Leon und wollte davonstürmen. ,,Warte, es ist gefährlich.", sagte Armstrong und hielt ihn fest. ,,Was, glaubst du, was du tust?" ,,Ihr Leute wisst absolut nichts über uns!", brüllte Leon. ,,Was?", fragte Armstrong verwundert. ,,Ich hab alles von Doktor Marcoh gehört!", schrie Leon, außer sich vor Wut. ,,Ich hab von ihm gehört, was in Ishbal geschehen ist!" Armstrong erstarrte, seine Augen weit vor entsetzen, und ließ ihn los. Leon nutzte die Gelegenheit und rannte davon. Er rannte die regennasse Landstraße entlang und erreichte schließlich ein kleines Dorf mit schicken Ziegelsteinhäusern. Er erblickte ein Mädchen, das draußen im Regen stand. ,,Hey, du!", rief Leon und rannte auf sie zu. ,,Weißt du vielleicht etwas über eine Rüstung, die am Bahnhof war? Jemand hat sie mitgenommen!" Das Mädchen hörte ihm nicht zu, sondern betrachtete mit großen Augen sein Bein aus Metall. ,,Sie ist hellgrau, groß, und..." Das Mädchen rannte in eine Seitenstraße davon. ,,Warte!", rief Leon, beschleunigte seine Schritte und bog ebenfalls in die Straße ab; von dem Mädchen war weit und breit keine Spur. ,,Hah!", hörte er das Mädchen über sich aufkeuchen, sah nach oben und erschrak, als er sah, wie das Mädchen eine schwere Kiste auf seinen Kopf warf und ihn ausknockte.
,,Autsch...", war das erste, was er stöhnte, als er wieder aufwachte. Er sah sich vom Boden her auf und erblickte das Mädchen, das ein Bein aus Metall in ihren Armen hielt: Sein Auto-Mail-Bein! Sie rannte davon. ,,Hey warte!", rief Leon, stand auf und wollte ihr nachrennen, vergaß dabei aber, dass er jetzt nur noch ein Bein zum Laufen hatte und stürzte prompt wieder zurück in den Matsch. ,,Warte! Warte!", rief Leon, stand auf, stützte sich an der Wand neben ihm ab und hüpfte ihr hinterher, immer und immer wieder zu Boden stürzend und sich Schrammen zuziehend. ,,Verdammt...", fluchte er. ,,Wenn ich meinen Arm und mein Bein hätte, würde ich es dieser kleinen Göre zeigen..." Er fiel erneut zu Boden und sah hinüber zum Mädchen, das vor einem Haus am Rande des Dorfes stand und zu ihm herübersah. Die Tür des Hauses ging auf und ein älterer Mann, auf Krücken gestützt, da ihm ein Bein fehlte, trat hinaus.
Der Jugendliche, der Fayt gestohlen hatte, saß in Fayts Körper (also in der Rüstung) und fuhr mit seinem Fahrrad über eine hügelige Landstraße. Das ist schlecht..., dachte Fayt. Ich entferne mich immer weiter vom Bahnhof. ,,Entschuldigung...", sagte er laut. ,,Hä?!?", machte der Junge, klappte Fayts Kopf zurück und sah sich beim Fahren verdutzt um. ,,Hab ich mir das nur eingebildet?" ,,Hier.", sagte Fayt. ,,Die Rüstung sricht mit dir." Der Junge krachte vor Schreck mit dem Fahrrad gegen einen Baum und landete am Boden, Fayts Kopf nicht weit von ihm entfernt. ,,Wow! Das hat absolut nicht weh getan!", rief der Junge, geschützt von der Rüstung, begeistert. ,,Dieses Teil kann..." ,,Entschuldigung...", begann Fayt erneut. Der Junge machte vor Schreck einen Satz rückwärts. ,,Ich kann es immer noch hören!", kreischte er. ,,Bitte sei nicht überrascht.", bat Fayt ihn. ,,Ich bin... ähm... die neueste Rüstung, die du finden kannst." ,,Hä?!?", machte der Junge. ,,Das ist jetzt der letzte Schrei in Central City... Sprechende Rüstungen, meine ich.", log Fayt. ,,Mann, wo ist der Aus-Knopf?!? Das ist ja nervig!", rief der Junge und fummelte an der Rüstung herum. ,,Du kannst mich nicht ausschalten...", sagte Fayt. ,,Wie auch immer, halt einfach den Mund.", seufzte der Junge, warf Fayts Kopf in den Fahrradkorb, stieg auf und fuhr weiter. ,,Ähm, wohin fährst du?", fragte Fayt nach einiger Zeit. ,,Zu einem Kampf.", antwortete der Junge. ,,Einem Kampf?", wiederholte Fayt verwundert. ,,Mein Bruder How hat mir gesagt, dass ich, wenn ich wie er werden will, vorher ein oder zwei Menschen kaltmachen muss.", erklärte der Junge. ,,Deswegen hab ich ihm erzählt, dass ich in die Villa der Gaumscher-Familie einbrechen würde, weil sie andauernd in unserer Gebiet kommen und sich mit uns anlegen. Und wenn ich ein oder zwei abgehackte Köpfe zurückbringe, kann mich keiner mehr wie ein kleines Kind behandeln. Und wird mich mein großer Bruder zu seiner rechten Hand machen! Ich... Ich schaff das!" ,,Du willst also einen Menschen umbringen?", fragte Fayt nach, übernahm die Kontrolle über seinen Körper und bremste. Ein zweites Mal krachte das Fahrrad in einen Baum, diesmal ziemlich schrottreif. ,,Du bist ´ne echt gute Rüstung.", sagte der Junge, während er sich daran machte, das Fahrrad notdürftig zu reparieren. ,,Mir kann nichts passieren, selbst wenn sie mit einer Pistole auf mich feuern." ,,Trägst du mich deswegen?", fragte Fayt. ,,Damit es nicht weh tut?" ,,Ja.", antwortete der Junge. ,,Solange es nicht weh tut, kann ich es schaffen." ,,Aber es sollte weh tun.", meinte Fayt. ,,Was? Bist du vielleicht defekt?", fragte der Junge. ,,Es sollte weh tun... dein Herz.", sagte Fayt. Der Junge stutzte. ,,Ach was.", sagte er schließlich und gab sich wieder ans Reparieren. ,,Oder willst du, dass dein Herz auch nicht weh tut?", fragte Fayt, übernahm erneut die Kontrolle und begann etwas mit seinem Fuß am Boden zu zeichnen. ,,Was geht hier vor?!?", fragte der Junge verwirrt, während Fayt den Mutations-Zirkel zu Ende malte und mit seinem Fuß darauf stampfte. Das Fahrrad verformte sich und verschmolz mit dem Baum, der auf einmal eine äußerst hässliche Fratze bekommen hatte. ,,Ich bin...", begann Fayt, räusperte sich dann aber und begann mit unheimlicher Stimme erneut: ,,Ich bin die verfluchte Rüstung... Buhuuu! Buhuhuhuuuuu!!! Wenn du eins mit mir wirst - Ihihihihi - werden dein Körper und dein Herz nie wieder Schmerz fühlen... Für immer... und eeeeewig..."
Nachdem der ältere Mann Leon ins Haus gebeten hatte, ihm den Auto-Mail wieder zurückgegeben und Leon ihn sich angesteckt hatte, er Leon einen Tee gemacht, setzten sich er, Leon und das Mädchen an einen Tisch. ,,Tut mir Leid...", entschuldigte sich der Mann bei Leon. ,,Sie hat auf ihre eigene Art versucht, diesem alten Krüppel hier zu helfen..." ,,Also hat sie mir meinen Auto-Mail gestohlen, weil sie dachte, es würde Ihnen helfen, richtig?", fragte Leon. ,,Ich kann Ihnen diesen hier nicht geben, aber ich kann Sie der Mechanikerin vorstellen, die ihn hergestellt hat." Das Mädchen sah hoffnungsvoll drein. ,,Sie ist ziemlich großmäulig, aber sie macht ihre Arbeit sehr gut." ,,Danke für dein Angebot, aber ich brauche kein künstliches Bein.", schlug der Mann das Angebot ab. Das Mädchen ließ den Kopf hängen. ,,Sobald man sich daran gewöhnt hat, ist er ziemlich nützlich.", meinte Leon. ,,Vielleicht.", gab der Mann zu. ,,Aber... Aber ich will mein Bein so lassen, wie es jetzt ist." Das Mädchen verzog sich in ihr Zimmer. ,,Eine Schwertwunde hat sich damals auf dem Schlachtfeld infiziert... Als ich endlich in einem Krankenhaus ankam, mussten sie es amputieren.", erzählte der Mann. ,,Schlachtfeld?", wiederholte Leon. ,,Sie waren ein Soldat?" Der Mann nickte. ,,In welchem Krieg war das?", fragte Leon. ,,Der im Osten? Oder... Könnte es der Ishbal-Krieg gewesen sein?!?" Der Mann sah zu Boden und sagte: ,,Auf dem Schlachtfeld verwandeln sich die Menschen in andere Personen. Man kann grausame Dinge tun, ohne dabei etwas zu fühlen. Vielleicht sperrte mein Herz alle Emotionen aus, um mich zu beschützen... Aber sobald der Krieg vorbei war, war es vorbei mit dieser Emotionsleere." Er fasste sich an sein amputiertes Bein. ,,Diejenigen, die dabei waren, sollten die Dinge, die sie gesehen und getan haben, nicht vergessen. Wenn ich mir diese Wunde ansehe, erinnert sich mich an diese Dinge." ,,Ist das der Grund, warum...?", begann Leon. ,,Ist das der Grund, warum Sie keinen Auto-Mail wollen? Das ist doch nur...!" ,,Das ist nicht der einzige Grund.", unterbrach der Mann ihn. ,,Ich verlor mein Bein. Aber im Gegenzug gewann etwas viel Wertvolleres: Frieden in meinem Herz, und diesen Lebensstil hier mit meinen Enkelkindern. Und... Vielleicht können die Menschen etwas gewinnen, nachdem sie etwas verlieren." ,,Wirklich?", fragte Leon. ,,Es gibt dennoch diejenigen, die nichts fühlen, selbst nachdem der Krieg zu Ende ist. Genauso soll doch ein Soldat sein." ,,Diese Menschen haben ebenfalls etwas verloren, selbst wenn man es nicht mit bloßem Auge sieht.", sagte der Mann. Leon sah hinab zur Silbertaschenuhr, die an seiner Hose hing. ,,Wenn du etwas verloren hast, solltest du dadurch auch etwas bekommen haben.", sprach der Man weiter. ,,In der Alchemie nennt man das "Gleichwertiger Tausch", richtig?" Leon sah wieder zu ihm, die Hand, die die Taschenuhr hielt, auf einmal haltls zitternd. ,,Das kann absolut nicht richtig sein!", schrie er. ,,Ich hab meinen linken Arm und mein linkes Bein verloren... Und mein kleiner Bruder hat seinen gesamten Körper verloren. Wir leben in Verzweiflung, versuchen das Verlorene zurückzuerhalten! Um alles zurückzuerhalten... Das ist unser Traum! Und im Gegenzug, haben wir nichts erhalten..." Tränen stiegen ihm in die Augen. ,,Wir sind allem beraubt worden!!!" Er sprang auf und stieß dabei gegen den Tisch, so dass die Tasse Tee zu Boden fiel, wo sie zerbrach. ,,Der Traum, alles zurückzuerhalten...", seufzte der Mann ruhig. ,,Aber was wirst du tun, nachdem dieser Traum Wahrheit geworden ist?" Leon sah verwirrt auf. ,,Ein Traum, der wahr wird, ist kein wahrer Traum.", sagte der Mann. Leon erstarrte. ,,Selbst wenn das so ist...", sagte er nach einiger Zeit. ,,Selbst wenn das so ist, wir werden uns alles zurückholen." Er stand auf und griff nach seiner Jacke. ,,Danke für den Tee.", sagte er uns verließ das Haus. Eine ganze Zeit lang stand Leon noch vor dem Haus und dachte über das nach, was der alte Mann gesagt hatte. Doch schließlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als ein Jugendlicher mit angstverzerrtem Gesicht an ihm vorbeirannte, etwas von einer verfluchten Rüstung kreischend, und ins Haus stürmte. ,,Großer Bruder!", hörte man das Mädchen von drinnen rufen. ,,Opa! Er ist wieder zurück!" Leon seufzte, dann stutzte er jedoch und rief: ,,Oh ja... Fayt!" Er rannte los. ,,Fayt!", rief er im Rennen. ,,Ja?", hörte er auf einmal jemanden rufen und hielt an, wobei er ins Schwanken kam und hinfiel Neben ihm lag Fayt vor einem Baum, der mit einem mutierten Fahrrad verwachsen war. ,,Fayt...", sagte Leon erleichtert.
Nachdem er den Baum in einen Karren mutiert hatte, auf den er Fayt mit viel Mühe gehievt hatte, zog er ihn in Richtung des Bahnhofes. ,,Fayt, du riechst nach Schaf.", bemerkte Leon. ,,Oh, tut mir ja sooo Leid.", fauchte Fayt beleidigt. ,,Sobald wir bei Tantchen Pinako ankommen, sehe ich zu, dass ich gründlich gereinigt werde." ,,Hey, Fayt...", begann Leon auf einmal. ,,Vor vier Jahren kam der Oberst doch nach Rizenbul, weil wir ihm einen der vielen Briefe geschickt hatten, die wir jedem gesendet hatten, der in den Unterlagen unseres reudigen Vaters gestanden hatte, richtig?" ,,Das hat er jedenfalls gesagt.", sentgegnete Fayt. ,,Er sagte, er hätte nach unserem Vater gesucht." ,,Aber vielleicht ging der Oberst ja auch nach Rizenbul, um sich bei Winry und Pinako zu...", begann Leon, brach dann aber ab, als er verdutzt feststellte, dass der Karren auf einmal merkwürdig leicht geworden war. Er wirbelte herum und erblickte Armstrong, der Fayt auf seine Schulter gehievt hatte. ,,Major..." ,,Ich habe mir schon Sorgen gemacht.", sagte Armstrong. ,,Tut mir Leid.", entschuldigte sich Fayt. ,,Was ist los?", fragte Armstrong Leon. ,,Major...", begann Leon. ,,Es tut mir Leid, was ich vorhin gesagt habe." Armstrong lächelte ihm zu. Der Pfiff eines Zuges gellte von der Ferne her aus der Richtung des Bahnhofes. ,,Oh nei!", schrie Armstrong entsetzt. ,,Wenn wir diesen Zug verpassen, müssen wir bis morgen Mittag auf den nächsten warten!" Er packte Leon und hievte ihn auf seine andere Schulter. ,,H-Hey!", kreischte Leon. ,,Was machen Sie das!?!" ,,Wir rennen los!", rief Armstrong und stürmte in Richtung Bahnhof los. ,,Mit der unglaublich schnellen Flitzebogen-Technik, die seit Jahren von Generation zu Generation in meiner Familie weitervererbt wird, sind wir im Nu da!" ,,Lassen Sie mich los!", protestierte Leon lautstark. ,,Sie zerquetschen mich noch!", kreischte Fayt ängstlich.
Vorschau Kapitel 17: Zu Hause: An dem Tag, als die Brüder ihr Heimatdorf verließen, brannten sie ihr Haus nieder...kein Ort mehr, den sie ihr zu Hause nennen konnten... Das dachten sie jedenfalls...
