Am nächsten Tag traf Leon in Roys Büro ein, wo dieser sofort in seiner Schreibtischschublade herumwühlte, als er ihn erblickte. ,,Hier, nehmen Sie das.", sagte Roy und warf eine Taschenuhr aus Silber Leon zu. Leon, verdutzt, dass Roy ihn auf einmal siezte, fing die Taschenuhr noch gerade so. ,,Ähm... gibt es nicht vielleicht einen feierlichen Weg, mir das hier zu überreichen?", fragte er. ,,Meine Glückwünsche. Hiermit sind Sie nun offiziell ein Militärhund.", beglückwünschte Roy ihn und versank dann wieder in einem seiner Reporte. ,,Lieutenant Havoc, bitte geleiten Sie ihn hinaus.", sagte er an den Mann in Militärkleidung mit den Stachelhaaren gewandt, der mit Hawkeye ebenfalls anwesend war. ,,Ja, Sir!", sagte Havoc.
Fayt, Nina und Alexander tollten vergnügt im Garten der Villa Tuckers herum. Tucker selbst beobachtete das Treiben vom Fenster seines Schlafzimmers her. Seine Miene war versteinert, und er zitterte am ganzen Körper. ,,Nina...", murmelte er mit der Stimme eines Mannes, der einen weiten Weg gekommen und nun völlig erschöpft war.
Havoc fuhr Leon mit einem Auto zurück in Richtung der Tucker-Villa. Die ganze Fahrt über starrte Leon nur schmollend und grummelnd aus dem Auto. ,,Komm schon, schau nicht so drein, Boss.", sagte Havoc zu ihm. ,,Der Lieutenant Oberst sieht sich gerade einem wirklich sehr heiklen Fall gegenüber. Deswegen ist er so drauf." ,,Fall?", fragte Leon. ,,Ein Serienmörder, der nur Frauen umbringt.", erklärte Havoc. ,,Ist das nicht ein Fall für die Polizei, nicht für das Militär?", fragte Leon verdutzt. ,,Einen Kriminellen unter den Augen des Militärs einfach so schalten und walten zu lassen wird dem Militär einen schlechten Ruf geben.", erklärte Havoc. ,,Wahrscheinlich ist er nur mal wieder auf ´ne Promotion auf.", grummelte Leon genervt. Havoc stoppte den Wagen so abrupt, dass Leon, der sich nicht angeschnallt hatte, zu Boden knallte. Havoc seufzte und wandte sich zu ihm um. ,,Es stimmt schon, dass der Lieutenant Oberst alles tut, um eine Promotion zu bekommen...", begann er. ,,...aber wir würden ihm nicht gehorchen, wenn das nur das einzige wäre, was er tut." ,,Und was soll das heißen?", fragte Leon und rappelte sich wieder auf. ,,Wirst du bald selbst herausfinden.", sagte Havoc und fuhr weiter.
,,Tadaaa!", rief Leon, als er bei der Villa im Garten ankam, und hielt stolz die Silbertaschenuhr hoch, die jeder Nationale Alchemist bekam. Alexander stürmte auf ihn zu, schnappte sich die Taschenuhr und stürmte damit davon. ,,Hey! Warte gefälligst!", schrie Leon und stürmte ihm hinterher. ,,Warte! Gib das sofort zurück! Das ist eine super-wichtige...!" ,,Und schon wieder benutzt ihn der Hund als Spielzeug...", seufzte Fayt, während Nina, die in seinem Schoß saß, belustigt lachte, da sich Alexander auf Leon geworfen hatte und ihn nun als Kissen missbrauchte. ,,Jetzt gib das endlich wieder her!", flehte Leon. Im selben Moment kam Tucker in den Garten hinaus. Havo nickte ihm zu, sah zu Leon und sagte: ,,Er ist das Thema Nummer eins heute. Niemand hatte erwartet, dass ein Zwölfjähriger das Examen bestehen würde." ,,Genies soll es ja geben.", sagte Tucker. ,,Nun, dann feiern wir mal Leons Erfolg beim Examen mit einem Fest." ,,Ja!", rief Nina begeistert. ,,Wirklich?!?", rief Leon, der gerade in ein Wrestlingmatch mit Alexander um die Taschenuhr vertieft war. ,,Ja, wirklich.", antwortete Tucker und wandte sich an Havoc. ,,Würden Sie uns Gesellschaft leisten?" ,,Nun, ich habe immer noch eine Menge Arbeit...", antwortete Havoc. ,,Ist das so?", sagte Tucker und wandte sich wieder den Kindern zu. ,,Oh, Tucker...", sagte Havoc, dem auf einmal wieder etwas eingefallen war. ,,Hmm?", machte Tucker. ,,Ich habe noch eine Nachricht von Lieutenant Oberst für Sie.", sagte Havoc. ,,Der Einschätzungstest steht kurz bevor. Er freut sich schon drauf." Tucker sah ihn kurz besorgt an, dann sagte er: ,,Ja... dessen bin ich mir bewusst."
,,Ein Einschätzungstest dafür, dass man weiterhin ein Nationaler Achemist sein darf?", fragte Leon am Abend nach der Feier. ,,Ja.", antwortete Tucker nickend. ,,Wenn ich nicht jedes Jahr mindestens einmal Bericht über meine Forschungen abgebe und dafür gut eingeschätzt werde, werden sie mir meinen Titel als ''Lebenssäheralchemist'' aberkennen." ,,Das hört sich nicht gut an.", sagte Fayt besorgt. Tucker versuchte amüsiert zu lächeln, brachte aber nur ein viel zu hoch klingendes Hüsteln hervor. ,,Letztes Jahr habe ich keine besonders gute Einschätzung bekommen, also muss ich mich dieses Jahr mehr anstrengen.", sagte er mit leicht zittriger Stimme. ,,Gib dein Bestes, Papa!", rief Nina, auf und ab hopsend. ,,Wollen Sie noch eine Chimära erschaffen, die menschliche Worte verstehen und sprechen kann?", fragte Fayt neugierig. Tuckers Augen weiteten sich, genauso wie sein Mund, jedoch nur für den Bruchteil einer Sekunde, so dass die anderen im Raum nichts davon mitbekamen. ,,Bitte zeigen Sie sie mir, wenn Sie sie fertiggestellt haben.", bat Leon. ,,Ja, ich verspreche es.", sagte Tucker, bemüht fröhlich. ,,Sobald ich sie fertiggestellt habe, werde ich sie euch zeigen." Er sah zu Nina, die ihn anlächelte.
Später am Abend kam Nina in Leons und Fayts Zimmer, wo Fayt auf seinem Bett saß und las, und Leon am Tisch saß und einen Brief schrieb. ,,Schreibst du einen Brief?", fragte Nina neugierig und versuchte zu schauen, was Leon schrieb. ,,An wen schreibst du denn?" ,,Waaah!", kreischte Leon und verdeckte den Brief schnell mit seinen Händen, sein Gesicht auf einmal feuerrot. ,,Geht dich nichts an!", fauchte Leon. ,,Großer Bruder, du schreibst einen Brief an Winry, oder?", fragte Fayt. ,,Ich gebe ihr nur einen Bericht über das, was passiert ist!", rechtfertigte sich Leon, sein Gesicht nun sogar noch erröteter, wenn das überhaupt möglich war. ,,Ich schreibe nur so Dinge wie "Ich bin endlich ein Nationaler Alchemist! Wie findest du das?"!" ,,Ist Winry deine feste Freundin, Onkel Leon?", fragte Nina. Leon erstarrte. ,,Nun?", fragte Fayt neugierig. ,,Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!! Nein!!!", protestierte Leon und stampfte wild auf dem Bode herum. ,,Ich schreib auch einen Brief! An Mama.", sagte Nina, schnappte sich ein Blatt Papier und Buntstifte vom Tisch, legte sich bäuchlings zu Boden und begann zu malen. ,,Wohnt deine Mama weit entfernt von hier?", fragte Fayt. ,,Ja.", antwortete Nina. ,,Sie hat gesagt, dass Papa ein Tunichtgut ist und dass sie genug von ihm hat, und dann ist sie zurück nach Hause gegangen." Sie schaute traurig drein. ,,Ich hoffe, Mama antwortet mir..." Fayt seufzte mitfühlend und streichelte ihr sanft durchs Haar.
Eineinhalb Stunden später kam Tucker ins Zimmer, um die am Boden eingeschlafene Nina sanft vom Boden aufzuheben. ,,Hier.", sagte Fayt und reichte ihm Ninas fertiggestelltes Bild, auf dem Nina selbst, Tucker, Alexander und Ninas Mutter abgebildet waren. ,,Meine Frau konnte es nicht ertragen, arm zu sein, also verließ sie uns.", erzählte Tucker seufzend. ,,Sie verließ uns, kurz bevor ich ein Nationaler Alchemist und damit reich wurde." Er sah zu Boden. ,,Wenn sie mir meinen Titel aberkennen, wird wieder alles so elendig wie früher. Ich muss die Einschätzung bestehen, wenn diesen Lebensstil weiterführen will." ,,Papa, gib dein Bestes...", murmelte Nina im Schlaf.
Wenig später betrat Tucker ein vollkommen abgedunkeltes Zimmer der Villa, aus dem seltsame Geräusche her zu hören waren. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, sein Körper haltlos zitternd.
Am nächsten Tag wurde Leon durch das laute Bellen Alexanders geweckt. ,,Schon gut, schon gut, ich geh ja schon Gassi mit dir.", gähnte Leon, packte sich die Leine, leinte Alexander an und schritt mit ihm Richtung Hauseingang. Doch als er am Esszimmer vorbeiging blieb er stehen, da er den Geruch von Verbranntem wahrnahm. Verdutzt betrat er das Zimmer und sah etwas Verbranntes, das im Aschenbecher auf dem Tisch lag. Leon entfaltete es und erkannte das Bild, das Nina gestern gemalt hat, nun aber vollkommen verkokelt war, als hätte es Jemand in Wut angezündet. Leon starrte wie in Hypnose das Bild an, nicht auf Alexander achtend, der lauthals bellte und seinen Spaziergang verlangte.
,,Danach suche ich aber nicht!", fuhr Leon wenig später eine farbige Bibliothekarin in der Central-Bibliothek von Central City an, die nur für Nationale Alchemisten zugänglich war. ,,Ich suche nach Informationen über die Chimära, die eine Person namens Tucker erschaffen hat!" ,,Hmm...", machte die Frau, sah hinter sich und rief: ,,Hey, Scieszka, weißt du etwas darüber?" Ein Mädchen mit dicker Hornbrille, das beladen mit Bücher war, beugte sich hinter einem Regal hervor und antwortete: ,,Maxwell Tuckers Berichte sind klassifiziert." ,,Ich bin aber keine normale Person!", rief Leon und hielt seine Taschenuhr hoch. ,,Ich bin ein Nationaler Alchemist! Ich habe Zugriff auf die Dokumente hier!" ,,Das meinte ich doch nicht...", sagte Scieszka und lehnte sich noch mehr nach hinten. ,,Man braucht Brigadier General Basque Grans Erlaubnis, um auf Tuckers Dokumente Zugriff zu haben." Sie hatte sich nun so weit zurück gelehnt, dass sie den Halt verlor, zu Boden knallte und von den Büchern überschüttet wurde, die sie in den Händen gehalten hatte. ,,Brigadier General?", wiederholte Leon. ,,Du kennst den Stahlblutalchemisten nicht?", fragte die farbige Bibliothekarin. ,,Er war die erste Person, die vorgeschlagen hat, Alchemie für Militärzwecke einzusetzen. Da du seine Erlaubnis brauchst, müssen die Berichte von Herrn Tucker ja ein richtiges Militärgeheimnis sein." ,,Militärgeheimnis?", wiederholte Leon fragend.
Als Leon die Bibliothek wieder verließ, erblickte er die Wache, die dafür sorgte, dass nur Nationale Alchemisten die Bibliothek betraten, die einen Mann aufhielt, der ins Gebäude wollte. ,,Nein, bitte warten Sie!", ermahnte die Wache den Mann. ,,In diese Bibliothek haben nur Nationale Alchemisten Eintritt! Sie brauchen die Erlaubnis des Militärs, um..." ,,Aber mir wurde gesagt, dass ich nur hier diese Information bekommen könnte!", sagte der Mann, der äußerst groß war, eine dunkle Hautfarbe hatte, eine dunkle Sonnenbrille trug und eine kreuzförmige Narbe hatte, die sich von seiner Stirn bis über die von der Brille verdeckten Augen zog. Er stieß die Wache zur Seite und schritt die Steinstufen zur Bibliothek hoch, die Leon hinabschritt. ,,Warten Sie!", rief die Wache ihm hinterher. Leon packte den Mann am rechten Ärmel. ,,Was soll das?", fragte der Mann ihn. ,,Tut mir Leid, aber Sie dürfen hier nicht rein. So sind nun mal die Regeln.", sagte Leon. Der Mann grummelte und wollte weitergehen, doch Leon hielt ihn fest. Schließlich riss der rechte Ärmel und gab den Blick auf den Arm des Mannes frei, der über und über mit einem Tattoo in Runenform versehen war. Der Mann erschrak, schnappte sich den abgerissenen Ärmel, verdeckte damit seinen Arm und stürmte davon. ,,Hey! Stopp!", rief die Wache und rannte hinter ihm her.
Der Mann mit der Narbe rannte in eine dunkle Seitengasse, wo er sich versteckte. Er sah auf das abstruse Tattoo seines Armes. ,,Großer Bruder... Ich verstehe nicht...", keuchte er. ,,Warum hast du mich mit diesem Zeichen versehen...? Das Brandmal der Alchemie, die wir so sehr verachten!"
Leon besuchte zwei Stunden später die Hughes´. Er hatte sich kaum auf das Sofa im Wohnzimmer gesetzt, als Hughes ihm seine Tochter fast ins Gesicht drückte und mit der Stimme eines kleines Kindes brabbelte: ,,Hier, schau mal, Elysia. Das ist der Onkel Leon. Sag "Guten Tag, Onkel Leon"." Leon schaute ungläubig drein. ,,Liebling, jetzt hör endlich auf damit und hör dir an, was Leon zu sagen hat.", mischte sich seine Frau Glacier ein nahm ihm seine Tochter Elysia resolut aus der Hand und ging mit ihr in die Küche, um sie zu stillen. Schniefend sah Hughes ihr hinterher. ,,Also, was ist mit Tuckers Chimära?", fragte Hughes. ,,Sie gehören doch zur Untersuchungseinheit, richtig, Major?", fragte Leon. ,,Ich dachte mir, Sie wüssten vielleicht etwas." ,,Frag ihn doch einfach persönlich.", schlug Hughes vor. ,,Nun, er schien mir äußerst beschäftig zu sein wegen dem bevorstehenden Einschätzungstag und so.", log Leon. ,,Hmm...", machte Hughes. ,,Ich weiss nicht besonders viel darüber... Tucker erschuf die erste Chimära dieser Welt, die menschliche Worte verstehen und auch sprechen konnte." ,,Sind Sie sich sicher?", fragte Leon. ,,Die Chimära hatte definitiv etwas gesagt.", sagte Hughes. ,,Sie sagte: ´´Schenkt mir den Tod´´. Danach hat sie nichts mehr gegessen und starb." ,,Warum hat Tucker nur gedacht, so etwas zu erschaffen?", wunderte sich Leon. ,,Das weiss ich nicht.", entgegnete Hughes. ,,Aber es gab jemanden im Militär, der dachte, es könnte nützlich sein." ,,Was ist mit Tuckers Frau?", fragte Leon. ,,Oh, du meinst die, die starb, bevor er nach Central City kam?", fragte Hughes. Leon erschrak; diese Information stimmte nicht mit dem überein, was Tucker erzählt hatte. ,,Was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?", fragte Hughes verwundert, als plötzlich das Telefon klingelte. ,,Ja, hier Huges.", meldete er sich, nachdem er den Hörer abgenommen hatte. ,,Was? Der Serienmörder?", rief er erschrocken.
Leon und Hughes erreichten eine verlassene Seitenstraße, die schon vollkommen vom Militär abgesichert worden war. Der mit einer Decke abgedeckte Leichnahm einer Frau lag in dieser Gasse, vor ihr ihr dreijähriger Sohn, dem Hawkeye tröstend eine Hand auf die Schulter gelegt hatte. ,,Mama! Mama!", heulte der Kleine. ,,Das ist bereits die Fünfte...", sagte Havoc niedergeschlagen. ,,Hat denn die Untersuchungseinheit keine Anhaltsspur?", fragte Roy Hughes. ,,Mach mich doch nicht dafür verantwortlich.", entgegnete Hughes. Leon sah mitleidig zu dem kleinen Jungen, der immer noch nach seiner Mutter schrie. Hawkeye nahm ihn in ihre Arme und hob ihn hoch, um ihn von seiner toten Mutter wegzubringen, doch der Junge wehrte sich nach Leibeskräften und riss dabei die Decke zur Seite. Der Blick auf die Frau, in unzählige Stücke zerschnitten, wurde frei gegeben, und Leon erstarrte; Bilder flogen in seinem Kopf herum, während er weißer und weißer im Gesicht wurde: Das Arbeitszimmer seines Vaters, in dem das formlose Wesen aus Fleisch und Muskeln ihn angeschaut hatte, nachdem der Versuch, seine Mutter wiederzubeleben, fehlgeschlagen war; seine Mutter, die ihn anlächelte; seine Mutter, die Essen für ihn und Fayt kochte; seine Mutter die verträumt zum Himmel hinausschaute; seine Mutter, die für immer ihre Augen schlossen; das formlose Wesen, das ihm mit seinem Arm zuwinkte... Die Welt verschwamm vor Leons Augen und er kippte zur Seite. Das letzte, was er hörte, war Havoc, der besorgt rief: ,,Hey, was ist los? Hey!"
Als Leon wieder zu sich kam, lag er in Tuckers Villa in seinem Bett, ausgezogen bis auf seine Boxer-Shorts, da er vollkommen schweißgebadet war. ,,Ich hab gehört, du hast etwas Schlimmes gesehen.", sagte Tucker. Leon sah auf und erblickte Tucker, der neben ihm auf einem Stuhl saß und ein Buch gelesen hatte, bis er aufgewacht war. ,,Mir geht´s jetzt wieder gut...", sagte Leon und sah beschämt zur Seite. ,,Du hast im Schlaf nach deiner Mutter gerufen und dich bei ihr entschuldigt.", sagte Tucker. ,,Ich...", begann Leon. ,,Ich hab mir schon so was Ähnliches gedacht, nachdem ich eure Körper gesehen hatte...", sagte Tucker seufzend.
Ein Militärwagen hielt vor Tuckers Villa. Fayt, der mit Nina Fangen im Haus gespielt hatte, sah verdutzt aus dem Fenster und beobachtete, wie mehrere Leute vom Militär, angeführt von einem sehr großgewachsenen Mann mit Schnauzbart, aus dem Wagen ausstiegen und auf die Villa zukamen.
,,Deine Mutter, was?", sagte Tucker. ,,Das muss schlimm gewesen sein." Leon antwortete nicht, sondern sah einfach nur weiter von Tucker weg. ,,Was ihr Zwei da getan habt, ist unverzeihlich.", fuhr Tucker fort. ,,Aber ich verstehe, wie ihr euch fühlt." ,,Wer seid ihr?", hörten sie auf einmal Fayts aufgebrachte Stimme von der Eingangshalle her.
Wieder angezogen, gingen Leon und Tucker in die Eingangshalle und trafen dort auf Fayt, der Nina festumschlungen hielt. Die Militärleute und der Mann mit dem Schnauzbart standen wenige Meter von ihnen entfernt. ,,Ich weiss nicht, was Mustang erzählt hat, aber ich, Basque Gran habe die Führung über Maxwell Tuckers Arbeit.", sagte der Mann mit dem Schnauzbart namens Basque Gran. ,,Basque Gran...", wiederholte Leon. ,,Sie sind also...?" ,,Die Arbeiten des Lebenssäheralchemisten sind strengstens geheim.", sagte Gran. ,,Hier können nicht einfach wildfremde Leute leben."
Wenig später standen Leon und Fayt mit ihren Koffern im Garten von Tuckers Villa. ,,Onkel Leon, Onkel Fayt, wo... wo geht ihr jetzt hin?", fragte Nina, den Tränen nahe. Leon versuchte zu antworten, brachte aber keinen Ton hervor. ,,Wir sind bald wieder da, um mit dir zu spielen.", versprach Fayt ihr. ,,Wirklich?", schniefte Nina. ,,Ja.", sagte Fayt nickend. Nina sah zu Leon. ,,Ja.", sagte auch dieser. ,,Versprochen ist versprochen.", sagte Nina und wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.
,,Sind Sie verrückt?", tobte Gran, als Tucker wieder ins Haus zurückgekehrt war und auf sein Zimmer gegangen war. ,,Dieses Kind kann Dinge ohne einen Mutations-Zirkel mutieren... und der Führer schwärmt schon regelrecht von ihm. Und genau wegen diesem Kind hat Mustang äußerst viele Pluspunkte gesammelt." ,,Es tut mir Leid, dass ich Ihnen Sorgen bereitet habe...", entschuldigte sich Tucker. ,,Ich hab es letztes Jahr geschafft, Ihre Suspendierung zu verhindern, aber wenn Sie dieses Jahr keine Resultate vorlegen, werde auch ich in Schwierigkeiten geraten, da ich Ihr Unterstützer bin.", warnte Gran. ,,Aber...", begann Tucker. ,,Oder wollen Sie Ihren Titel als Lebenssäheralchemist aufgeben und ihren zu Ihrem alten Lebensstil zurückkehren?", unterbrach Gran ihn. ,,Wollen Sie wieder von Stadt zu Stadt wandern, mit einem allzeit knurrenden Magen?" Tucker sah zu Boden. ,,Sie sind am Ende des Pfades angelangt.", sagte Gran. ,,Übermorgen ist der Einschätzungstag."
Spät nachts saß Tucker im dunklen Esszimmer und starrte aus dem Fenster. ,,Papa?", fragte auf einmal Nina, die mit Alexander ins Esszimmer gekommen war. ,,Hast du irgendwo Schmerzen, Papa?" Tucker stand von seinem Stuhl auf, ging auf sie zu und nahm sie in seine Arme. ,,Ich... bin am Ende des Pfades angelangt, Nina...", sagte Tucker mit schwerer Stimme.
Stunden später, gegen vier Uhr nachts ungefähr, fielen mehrere der Militärleute, die nun Tuckers Villa bewachten, bewusstlos zu Boden. Schnell schlichen sich Fayt und Leon durch ein Fenster in die Villa. ,,Was willst du tun, wenn sie dir deinen Titel hierfür wegnehmen?", fragte Fayt unsicher Leon. ,,Wenn hier nichts ist, bin ich zufrieden.", sagte Leon und stieg hinab in den Keller, wo Tuckers Labor war, in dem sie noch nie zuvor waren. Seltsame Geräusche drangen ihnen durch. Leon stockte der Atem: Hunderte von abstrusen Kreaturen, die diese seltsamen Geräusche von sich gaben, waren im Keller in Käfigen eingesperrt. ,,Hier drüben!", hörten sie jemanden aus einem Nebenzimmer her rufen. Sie traten ein und erblickten Tucker, der ihnen den Rücken zugewandt hatte. ,,Kommt rein.", sagte er. Leon und Fayt sah sich um: Der Raum war voller Bücher über Bio-Alchemie, die Wände und die Decke waren über und über mit Mutations-Zirkeln versehen. ,,Seht sie euch nur an.", sagte Tucker, trat zur Seite und gab den Blick auf ein Wesen frei, das aussah wie ein Hund, doch auch Züge eines Menschen hatte: Eine Chimära. ,,Eine Chimära, die menschliche Worte versteht und spricht.", erklärte Tucker mit irrem Blick. Leon schluckte, während Tucker sich zu der Chimära hinabbeugte und sagte: ,,Schau mal. Das da ist Leonard." Die Chimära sah zu Leon und sagte: ,,Leo...nard..." ,,Ja, sehr schön.", lobte Tucker die Chimära. Leon sah zu Boden, am ganzen Körper zitternd. ,,Gute... Arbeit...", wiederholte die Chimära. ,,Ich kann es nicht glauben. Sie spricht wirklich!", rief Fayt begeistert. Tucker atmete erleichtert auf. ,,Gerade noch rechtzeitig fertig geworden.", sagte er zufrieden. ,,Jetzt muss ich mir keine Sorgen mehr um meinen Titel machen." Leon ging auf die Chimära zu, legte eine haltlos zitternde Hand auf ihren Kopf und beugte sich zu ihr hinunter. Die Chimära beschnupperte interessiert sein Gesicht, dann schnappte sie sich mit ihrer Schnauze zielsicher die Taschenuhr, die Alexander ihm immer so gerne abgenommen hatte. Sie ließ die Taschenuhr fallen, die scheppernd zu Bodne fiel. ,,Leo... nard...", sagte die Chimära; Leon war den Tränen nahe. ,,Ist... Ist schon in Ordnung...", murmelte Leon und tätschelte der Chimära den Kopf. ,,Leon... Onkel..." Leon stand wieder auf, sein Gesicht zu Boden gerichtet. ,,Großer Bruder, waist los?", fragte Fayt verwirrt. ,,Tucker...", sagte Leon mit zittriger Stimme. ,,Ja?", fragte Tucker. ,,Wann hatten Sie das erste Mal eine Chimära erschaffen, die menschliche Worte versteht und spricht?", fragte Leon. ,,Das hab ich dir doch bereits erzählt. Vor zwei Jahren.", antwortete Tucker. ,,Und wann hat Ihre Frau Sie verlassen?", fragte Leon weiter. ,,Vor zwei Jahren.", antwortete Tucker. ,,Erreichen Ihre Briefe immer noch Ihre Frau, selbst jetzt noch?", fragte Leon. ,,Worauf willst du hinaus?", fragte Tucker. ,,Wo sind Nina und Alexander!?!", schrie Leon. Fayt sah erschrocken zur Chimära; Tucker seufzte tief. ,,Ich hasse Kinder wie dich, die gut kombinieren können.", sagte er. Leon packte ihn schreiend an der Gurgel und drückte ihn gegen die Wand. ,,Großer Bruder!", rief Fayterschrocken. ,,Du hast es doch gehört! Genauso ist es!", schrie Leon. ,,Er hat seine eigene Frau benutzt, um...?", sagte Fayt entsetzt. ,,Und nun hat er seine Tochter und seinen Hund benutzt, um noch eine Chimära zu erschaffen!", brüllte Leon. ,,Einen Menschen zu benutzen ist einfacher, nicht? Sag schon was!" ,,Warum bist du denn so sauer?", fragte Tucker belustigt. ,,Wenn man es vom Standpunkt eines Wissenschaftlers betrachtet, hat sich die Menschheit doch immer dadurch entwickelt, dass man mit Menschen experimentiert hat. Wenn du ein Wissenschaftler bist, dann..." ,,Halt das Fressbrett!!!", brüllte Leon. ,,Glaubst du, du kannst damit durchkommen!?! Mit etwas, das mit Menschenleben spielt!?!" ,,Menschenleben?", wiederholte Tucker und lachte wie ein Verrückter. ,,Ja, Menschenleben, wie? Dein Arm und dein Bein. Der Körper deines kleinen Bruders... Das sind doch die Ergebnisse davon, dass ihr mit Menschenleben gespielt habt, nicht wahr?" Leon holte mit seiner Metallfaust aus und schlug mit aller Kraft zu. Tucker flog durch den Raum, knallte gegen eine Wand und sank zu Boden; seine Brille zerbrochen. Er lachte wieder wie ein Geisteskranker. Leon holte erneut mit der Faust aus, doch Fayt packte ihn. ,,Warum, Tucker?", fragte Fayt. ,,Ich dachte, Sie müssten diese Einschätzung bestehen, um ihren Lebensstil mit Nina zu beschützen." Tucker sah ihn kurze Zeit an, dann sagte er: ,,Ich habe keinen Grund, eine Chimära zu erschaffen. Ich habe nur damit experimentiert, weil die Möglichkeit da war. Eine Chimära, die menschliche Worte spricht und versteht... Ich wollte einfach nur eine erschaffen." ,,Du Bastard!", schrie Leon. ,,Obwohl du wusstest, dass es verboten war, konntest du einfach nicht anders als mit Menschlicher Mutation herumzuspielen.", fuhr Tucker unbeirrt fort. ,,Du und ich sind uns ähnlich." ,,NEIN!", brüllte Leon. ,,Wissenschaftler... Nein, Menschen haben eine grenzenlose Gier danach, ihr Wissen im richtigen Leben anzuwenden.", sagte Tucker. ,,Die Gier danach, zu sehen, was man mit der Macht anstellen kann, die einem gegeben ist... Die Gier danach, all die Geheimnisse dieser Welt zu verstehen... und mit ihnen zu experimentieren. Das ist die wahre Natur der Alchemie." Leon verpasste ihm einen weiteren Schlag mit seiner Metallfaust ins Gesicht; Blut spritzte zu allen Seiten. ,,Wir...", stammelte Leon, seine Stimme vor Zittrigkeit kaum noch verständlich. ,,Alchemie ist... Wir sind nicht... NEIN!!!" Er schlug immer und immer wieder mit seiner Metallfaust auf Tucker ein. ,,ICH...! ICH...! ICH...! ICH...! ICH...!" ,,Großer Bruder, du bringst ihn noch um!", rief Fayt ängstlich. Fayt holte erneut aus, wurde aber von der Chimära gestoppt, die seinen Ärmel mit der Schnauze gepackt hatte und festhielt. Erschrocken sah er zur Chimära, die ihn nun vorwurfsvoll ansah. Sie ließ seinen Ärmel los und sagte: ,,Onkel... Leon..." Leon beugte sich zu ihr hinab. ,,Nina, das könnte jetzt ein kleinig wenig schmerzen, aber bitte halte durch.", sagte er zu ihr. ,,Großer Bruder, willst du sie etwa remutieren?", fragte Fayt. ,,So was können wir noch nicht!" Tucker lachte belustigt. ,,Meine Chimära ist perfekt mutiert!", gackerte er. ,,Keiner kann sie wieder remutieren! Sei vorsichtig, dass mit ihr nicht noch das Gleiche passiert wie bei deiner Mutter!" Leon erstarrte. Die Chimära sah ihn fragend an, dann ging sie auf Fayt zu und stupste ihn an. ,,Lass uns spielen...", sagte sie zu ihm. ,,Lass uns spielen..." ,,N...Nina...", stammelte Fayt. Die Tür wurde aufgestoßen, und mehrere Militärleute, angeführt von Gran, betraten den Raum. ,,Was hat das zu bedeuten, Leon Elric?!?", schrie Gran. ,,Er...Er hat seine eigene Tochter benutzt, um... um...", begann Leon, dann versagte ihm Stimme.
Tucker wurde in einen der Militärwagen gesperrt, seine Hände gefesselt, zusammen mit der Chimära. ,,Wir werden das Militärgericht entscheiden lassen, was mit der Chimära und Tucker zu tun ist.", erklärte Gran Leon und Fayt. ,,Sprecht mit niemandem darüber, was hier geschehen ist." ,,Warten Sie mal!", schrie Leon, dem es auf einmal dämmerte, und wollte auf Gran losgehen. Zwei der Militärleute packten ihn und hielten ihn fest. ,,Sie wussten, was Tucker vorhat, nicht wahr!?! Und nun wollen Sie die Beweise loswerden und...!" Gran rammte ihm seine linke Faust, die sich plötzlich in ein Maschinengewehr verwandelt hatte, in den Magen und brachte ihn damit zum Schweigen. Keuchend sackte er zu Boden. Das Maschinengewehr verwandelte sich wieder in eine Hand zurück, auf die ein Mutations-Zirkel gezeichnet war. ,,Gehen wir!", sagte Gran und stieg mit den anderen in den Wagen, der daraufhin sofort losfuhr. ,,Verdammt!", fluchte Leon und rappelte sich vom Boden auf. ,,Ich lasse nicht zu, dass ihr sie mitnehmt!" Er klatschte in die Hände und schlug mit ihnen auf den Boden. Der Boden wellte sich auf und brachte den Wagen ins Schleudern. Er schlug zur Seite, und die hintere Tür des Wagens ging auf. Die Chimära sprang heraus und schnupperte am Boden. ,,Nina!", rief Leon. Die Chimära winselte und rannte davon. ,,Nein!", rief Leon und rannte ihr mit Fayt hinterher.
Der Mann mit der Narbe saß immer noch in der dunklen Seitengasse, als die Chimära auf ihn zukam und ihn beschnupperte. Verwundert legte er ihr eine Hand auf den Kopf, und im selben Moment begann das Tattoo, das die Hand und den Arm bedeckte, zu leuchten. ,,Du bist... etwas Menschliches und Tierisches, das vereint wurde...", sagte der Mann und stutzte. ,,Warum weiss ich das nur?" Er besah sich das Tattoo und sah dann wieder zur Chimära. ,,Du bist bedauernswert." Er legte ihr erneut die Hand mit dem Tattoo auf den Kopf. ,,Gott...", sprach er. ,,... der große Schöpfer, der alles erschuf... Bitte willkomme diese bedauernswerte Seele mit offenen Armen." Es gab ein grelles rotes Licht, was von dem Arm des Mannes ausging, der mit dem Tattoo versehen war.
Leon blieb, vollkommen außer Atem, vor dem Eingang zu einer dunklen Gasse stehen, in die Nina vielleicht gelaufen sein könnte. Leon erblickte etwas am Ende der Gasse, wo sich eine Wand befand. Er sah näher hin und erstarrte, seine Augen vor Entsetzen geweitet: Der blutige Umriss einer Chimära, vollkommen zerfetzt, war an der Wand zu erkennen. ,,Nina...", stammelte Leon mit kaum hörbarer Stimme.
Der Mann mit der Narbe wanderte ziellos durch die Straßen. Vor seinen Augen sah er, wie das Tattoo auf seinem Arm zu leuchten begannen hatte, sah, wie die Chimära von einer Macht zerfetzt worden war, die von dem Tattoo ausgegangen war. Gott, ich verstehe..., dachte er. Ich verstehe nun, warum mein Bruder mir diesen verfluchten Arm gab. Er gab ihn mir, damit ich dieselben teuflichen Techniken nutzen kann wie die Alchemisten, die Gott ungehorsam sind, und sie vernichten kann.
Leon und Fayt starrten beide sprachlos die blutigen Umrisse der Chimära an der Wand an. ,,Das...", begann Fayt. ,,Es sieht aus, als wenn sie durch Alchemie zersetzt worden wäre. Aber wer...?" Er sah zu Leon. ,,Aber selbst wenn wir es versucht hätten..." ,,Nina... Tut mir Leid...", entschuldigte sich Leon. ,,Es tut mir so Leid..." ,,Großer Bruder...", murmelte Fayt mitleidig. Und als Leon zu weinen begann, vermischten sich die Tränen, die zu Boden rannen, mit dem Regen, der sich nun über Central City ergoss.
Vorschau Kapitel 8: Der Ring der Alchemisten: Ein Ring, der die Regeln der Alchemie alle verwirft: Kein Mutations-Zirkel, kein Prinzip des Gleichwertigen Tausches... Kann er Leon und Fayt helfen?
