Es war Sonnenuntergang, als die beiden Elric-Brüder die alte Stadt Xenotime erreichten. Die Stadt selbst lag auf einem Berg und war äußerst verfallen; der Schimmel hing bereits mehr als genügend an den Häuserwänden. ,,Und der Ring der Alchemisten soll sich wirklich in einer so abgelegenen und verfallenen Stadt wie dieser befinden?", meinte Fayt skeptisch, während sie durch die Stadt wanderten. ,,Ich kann nicht glauben, dass diese Stadt einst reich an Gold gewesen sein soll." ,,Desto mehr macht es Sinn für sie, den Ring der Alchemisten zu erforschen.", sagte Leon. ,,Was meinst du damit?", fragte Fayt. ,,Nun, da sie aus den Bergminen kein Gold mehr zutage fördern können, versuchen sie wahrscheinlich, mit dem Ring der Alchemisten Gold herzustellen.", erklärte Leon. ,,Dieser Ort hat einst eine Menge Gold produzierte, also würde niemand Gold, das von hier stammt, verdächtig finden." ,,Die Ideen, auf die die Erwachsenen kommen, machen mich wirklich krank.", seufzte Fayt. Es gab einen lauten Knall. ,,Elisa!", hörten sie aus der Nähe einer Bergmine einen Mann ängstlich rufen. ,,Wir brauchen Hilfe!"
Vor einer der Bergminen lag ein kleines weinendes Mädchen, unter einem umgefallenen Minenwagen eingeklemmt. Mehrere Bergarbeiter versuchten den Wagen beiseite zu hieven, hatten allerdings keinerlei Erfolg. ,,Verdammt, es bewegt sich kein Stückchen!", keuchte einer der Männer. ,,Papa...", weinte das Mädchen mit Blick auf den Mann, der ihr am nächsten war. ,,Keine Angst...", sagte ihr Vater und beugte sich zu ihr hinab, am ganzen Leib zitternd. ,,Ich hol dich da raus, Elisa." ,,Was ist los?", rief Leon, der mit Fayt dazukam. ,,Meine Tochter ist hierunter eingeklemmt!", rief Elisas Vater. Leon beugte sich hinab und erblickte die Kleine, die von Minute zu Minute ängstlicher und verzweifelter wurde. ,,Nur noch ein kleines bisschen.", sagte Leon lächelnd zu ihr, klatschte in die Hände und berührte den Minenwagen. Es gab einen Lichtblitz, und im nächsten Moment stand da, wo vorher ein Minenwagen gewesen war, ein Block aus Stahl, neben Elisa.
,,Humankind cannot gain anything without first giving something in return.
To obtain, something of equal value must be lost.
That is Alchemy´s first law of Equivalent Trade.
Some people believe that it´s the one and only truth of the world." (Auszug: Buch der Alchemie)
Elisas Vater brachte die beiden Alchemisten, die seine Tochter gerettet hatten, zu sich nach Hause, das gleichzeitig auch eine Gaststätte war, wo sich am Abend viele der Bewohner Xenotime´s versammelten. ,,Das ist wunderbar! Ich hatte gar nicht gewusst, dass wir Alchemisten in der Stadt haben!", sagte Elisas Vater vergnügt, während er den beiden Alchemisten zum Dank Essen auftischte. ,,Du hast uns wirklich geholfen!" ,,Dir auch vielen Dank, Metall-Papa!", bedankte sich die kleine Elisa bei Fayt. Fayt erstarrte, während Leon lauthals loslachte. ,,Nein,das ist nicht mein Vater. Das ist mein kleiner Bruder.", stellte er glucksend richtig. ,,Kleiner Bruder?", wiederholte Elisa verwundert. ,,Obwohl er größer ist als du?" Diesmal war es an Leon zu erstarren, während Fayt sich ins Fäustchen lachte. ,,Wie dem auch sei, ich bin froh, dass du nicht verletzt bist, Elisa.", sagte Fayt erleichtert. Die Tür wurde aufgestoßen und ein weiterer Mann mit schwarzem zerzaustem Haar stürmte ins Haus, einen Korb voll Zitronen tragend. ,,Elisa!", rief er in panischer Sorge. ,,Ist Elisa in Ordnung?", fragte er. ,,Herr Vercio!", begrüßte Elisa ihn fröhlich und wollte zu ihm gehen, doch ihr Vater hielt sie zurück. ,,Papa?", fragte sie verwundert. ,,Du...!", begann Elisas Vater zornig. ,,Wie kannst du es wagen, dieses Haus zu betreten! Du hast Elisa zum Arbeiten gezwungen!" Er sah zu seiner Tochter. ,,Hör mir zu, Elisa. Egal, was immer auch irgendwer sagt, du darfst Vercio nicht aushelfen!" Vercio sah zu Boden. ,,Nein!", protestierte Elisa aufgebracht. ,,Herr Vercio hat nichts Böses getan! Ich hab ihn darum gebeten, dass ich ihm helfen darf..." Sie brach ab, da sie ein heftiger Hustenanfall überkam. ,,Hier, trink das, Elisa.", sagte ihr Vater besorgt und reichte ihr ein Glas Wasser. ,,Hmm...", machte Leon mit kritischem Blick auf Elisa, die das Glas nur langsam leeren konnte, da sie immer wieder wegen des Hustens zu trinken aufhören musste. Vercio stellte den Korb voll Zitronen auf den Tisch und ging zur Haustür. ,,Es tut mir Leid.", sagte er und verließ die Gaststätte. Nachdem Elisa das Glas Wasser geleert hatte, ging sie auf die Zitronen zu und sagte traurig: ,,Herr Vercio hat gesagt, dass deine Zitronentorten die besten überhaupt gewesen seien, Papa. Und er hat auch gesagt, dass es eine Schande ist, dass kaum noch Farmen übrig sind." ,,Aber sobald der Ring der Alchemisten erst einmal vervollständigt ist, wird dieser Stadt wieder in Wohlstand schwelgen.", sagte einer der Minenarbeiter, die ebenfalls anwesend waren. ,,Und sobald dies der Fall ist, können wir auch wieder Früchte kaufen." ,,Der Ring der Alchemisten?", wiederholte Leon und sprang von seinem Stuhl auf. ,,Ja, ja.", sagte Elisas Vater nickend. ,,Ihr beide seid gekommen, um Meister Magwar bei seinen Forschungen zu helfen, richtig? Seine Forschungen zur Erschaffung des Rings der Alchemisten." ,,Was?", fragte Leon verdutzt. ,,Herr Alchemist, bitte helfen Sie uns, den Ring der Alchemisten zu erschaffen.", bat Elisas Vater. ,,Wir wollen diese Stadt, Xenotime, wieder in ihrem alten, goldigen Glanz erstrahlen lassen." ,,Bitte, Herr Alchemist!", flehte ein anderer. Die Anwesenden in der Gaststätte scharrten sich alle mit erwartungsvollen Blicken um Leon und Fayt herum. ,,Die Dinge scheinen hier ziemlich kompliziert zu sein, aber ich schätze, ich versuche zuerst einmal, diesen Magwar zu treffen.", sagte Leon und wich vor den vielen Menschen, die ihm zu nahe auf die Pelle rückten, zurück. ,,Übrigens, dürften wir eure Namen haben?", fragte Elisas Vater. ,,Unsere Namen?", wiederholte Leon. ,,Ich bin Leonard. Leonard Elric." ,,Und ich bin sein kleiner Bruder, Fayton.", stellte sich Fayt vor. ,,Fayton Elric." Die Leute sahen ihn mit großen Augen an. ,,Die Elric-Brüder?", sagte einer. ,,Der Nationale Alchemist?" ,,Ja!", antwortete Leon mit geschwellter Brust.
Zwei Sekunden später lagen Leon und Fayt draußen vor der Gaststätte auf dem Boden, beide hinausgeprügelt. ,,Wofür war das denn!?!", brüllte Leon zornig. ,,Klappe!", schrie Elisas Vater. ,,Die wahren Elric-Brüder sind schon seit längerem hier in der Stadt!" Er deutete auf eine Villa weit oben in den Bergen hinter einem Wald. ,,Kommt wieder, wenn ihr uns eure richtigen Namen sagen wollt!" Er knallte die Haustür zu.
In der Villa, oben auf der Spitze des Berges, standen in einem Raum der Villa zwei Teenager, nach ihrem Aussehen zu urteilen großer und kleiner Bruder, und experimentierten mit einer roten Flüssigkeit in Reagenzgläsern, beide einen Mundschutz tragend.
Später in der Nacht schlichen sich Leon und Fayt hinauf zur Villa. ,,Wer zum Teufel wagt es, meinen Namen zu benutzen!?!", grummelte er, während sie an der Villa entlang schlichen, die äußerst schwer bewacht wurde. ,,Großer Bruder, willst du dich da wirklich hineinschleichen?", fragte Fayt voll Unbehagen. ,,Natürlich!", fauchte Leon. ,,Ich werde mir diese beiden Betrüger schnappen und Informationen über den Ring der Alchemisten aus ihnen herausprügeln." Die beiden schlichen durch den Garten, vorbei an den bewaffneten Wachen. Schließlich, an der Hausmauer angekommen, klatschte er in die Hände.
Der Lichtblitz, der entstand, ließ die beiden Brüder, die immer noch in der Villa mit der roten Flüssigkeit und exotischen Pflanzen arbeiteten, hochschrecken. ,,Großer Bruder, war das...?", begann der Jüngere fragend. ,,Ein Mutations-Reaktion.", sagte der Ältere nickend.
Leon und Fayt krochen durch die Luke, die Leon mit seiner Mutation in der Hauswand erschaffen hatte, und fanden sich in der Bibliothek der Villa wieder, deren Bücher sie sogleich durchforsteten. ,,Sieh mal, das sind alles Daten, die den Ring der Alchemisten betreffen.", sagte Leon bei einem Buch, das er überflog. ,,Dann versuchen sie hier also wirklich, einen Ring der Alchemisten zu erschaffen?", fragte Fayt. ,,Darin besteht kein Zweifel.", antwortete Leon, in das Buch versunken. Die Tür zur Bibliothek wurde geöffnet und jemand sagte: ,,Das hier ist ein eingeschränktes Areal." Die beiden Elric-Brüder wirbelten herum und erblickten einen blonden Jungen und seinen kleinen Bruder, die die Bibliothek betreten hatten. ,,Seid ihr zwei die...?", begann Fayt. ,,Da seid ihr ja, ihr zwei Betrüger!", schrie Leon. ,,Also musst du der echte Leonard sein.", sagte der Ältere mit Blick auf Fayt. ,,Nein! Nein!", brüllte Leon, außer sich vor Zorn. ,,Ich bin der echte Leonard! Ich!" ,,Was? Du bist der ältere Bruder?", fragte der Jüngere, der sich hinter seinem großen Bruder versteckte, verdutzt. ,,Hast du ein Problem damit!?!", brüllte Leon. Zitternd versteckte sich der Jüngere wieder hinter seinem großen Bruder. ,,Reg dich doch nicht so auf.", sagte dieser. ,,Die Wachen werden dich noch erwischen." Leon hielt sich den Mund zu. ,,So... Der richtige kleine Bruder trägt eine Rüstung, wie?", sagte der Ältere und ging auf die Elric-Brüder zu. ,,Er sieht gar nicht wie ein Vierzehnjähriger aus." ,,Hat der Forschungen über uns angestellt?", sagte Fayt verwundert. Der Ältere blieb kurz vor Leon stehen. ,,Was? Willst du kämpfen?", fragte Leon. ,,Wenn ihr beide brav nach Hause geht, wird das nicht nötig sein.", entgegnete der Ältere gelassen. ,,Lasst uns noch eine Weile als euch ausgeben." ,,Und so fragst du mich nach einem Gefallen?", sagte Leon. ,,Verbeug dich vor mir und frag mich noch einmal." Der Ältere regte sich keinen Millimeter. ,,Sieh nicht so auf mich herab! Mach Platz!" ,,Ich schätze, es macht Sinn, dass du so drauf bist.", sagte der Ältere schulterzuckend. ,,Du bist schließlich schon fünfzehn und hast immer noch die Größe eines Zwölfjährigen." Leon holte wutentbrannt mit seiner Faust nach dem Gesicht des Älteren aus, doch er wich einfach so aus. Leon holte erneut aus; wieder wich der Ältere aus. ,,Grrrrr!", fauchte Leon und begann wie wild auf ihn einzudreschen, doch er wich jedem Schlag geschickt aus. Schließlich packte er Leons linke Faust. ,,Auto-Mail, wie?", sagte der Ältere. ,,Der echte Leonard hatte wohl so seine Probleme in der Vergangenheit, was?" ,,Und du scheinst auch nicht gerade ein leichtes Leben gehabt zu haben!", entgegnete Leon, holte mit seinem Auto-Mail-Fuß aus und traf den Älteren im Gesicht. Er wurde zurückgeworfen und landete kniend am Boden. ,,Weiter geht´s!", schrie Leon und stürmte auf ihn zu. Blitzschnell stand der Ältere wieder auf und verpasste Leon eine Schlag ins Gesicht, der ihn zurückwarf und gegen ein Bücherregal knallen ließ. ,,Zeig mir, was ein Nationaler Alchemist so drauf hat!", rief der Ältere belustigt. ,,Ich hoffe, du bereust es nicht später noch!", rief Leon, klatschte in die Hände und berührte den Boden. Lanzen schossen aus den Boden und auf den Älteren zu, der noch im letzten Moment in eine andere Bücherregalreihe sprang. ,,Ziemlich gut! Kein Mutations-Zirkel, wie?", rief er, stürmte hinter Leon hervor und berührte den Boden. Krallen aus Stahl schossen auf dem Boden. ,,Der Betrüger braucht auch keinen Mutations-Zirkel?!?", rief Fayt verdattert, als Leon ihn auch schon packte und mit ihm in eine andere Bücherregalreihe sprang, um den Krallen zu entkommen. ,,Hast du etwa einen Ring der Alchemisten?", rief Leon dem Älteren zu. ,,Hmm...", machte dieser nur und lächelte. ,,Was ist das für ein Krach?!?", ertönte auf einmal die Stimme einer Wache vom Flur her. ,,Dort drüben!"
Leon und Fayt saßen vor dem Eingang zu Xenotime, Leon ausgiebig vermöbelt von den Wachen, die zuhauf in die Bibliothek gestürmt waren. ,,Verdammt, mir tut alles weh.", fluchte Leon. ,,Dieser Betrüger ist ziemlich stark.", sagte Fayt. ,,Pah! Das war doch mit Sicherheit nur die Kraft des Ringes.", spottete Leon. ,,Dann ist der Ring der Alchemisten vervollständigt?", fragte Fayt. ,,Das werde ich noch herausfinden.", grummelte Leon. Fayt sah zum Vollmond hinauf. ,,Ich frage mich, wie die beiden Brüder heißen.", sagte er. ,,Die beiden müssen schließlich auch richtige Namen haben." Er sah wieder zu Leon. ,,Ob der ältere Bruder älter ist als du?" ,,Fang hier nicht mit Spekulationen aufgrund von Größe an!", fauchte Leon und verpasste ihm einen Hieb, der ihn umwarf.
Die beiden Betrüger-Brüder saßen wieder in dem Zimmer mit den Reagenzgläsern. ,,Großer Bruder, hören wir auf damit.", bat der Jüngere, durch den Mundschutz sprechend, seinen großen Bruder, während der die Pflanzen in dem Zimmer beobachtete, deren Blätter sich an den Rändern braun-gelblich verfärbten. ,,Was machen wir, wenn die beiden den Bewohnern der Stadt die Wahrheit erzählen?" ,,Es gibt keinen Grund zur Sorge.", sagte der Ältere, schüttelte die rote Flüssigkeit in einem Reagenzglas behutsam und schrieb etwas auf ein Blatt Papier nieder. ,,Keiner wird ihnen glauben. Beeilen wir uns, vervollständigen den Ring der Alchemisten und verschwinden aus dieser Stadt." ,,Ob es wirklich funktionieren wird?", wunderte sich der Jüngere. ,,Ich werde nicht zulassen, dass Magwar durch Vaters Forschungen berühmt wird.", entgegnete der Ältere. ,,Aber...", begann der Jüngere. ,,Mach dir keine Sorgen!", unterbrach der Ältere ihn. ,,Wenn es hart auf hart kommt, werde ich sicherstellen, dass wenigstens du entkommen kannst." Großer Bruder, du verstehst nicht..., dachte der Jüngere seufzend. Das wird... mich nicht glücklich machen...
Es war in der Nähe der Villa tief in einer dunklen Mine. Ein See aus rotem Wasser entsprang einer Fontäne und floss durch ein winziges Flussbett durch die Mine. Ein ziemlich pummeliger, mittelgroß gewachsener Mann mit Mundschutz stand vor der Fontäne und starrte das rote Wasser begierig an. ,,Ist es in Ordnung, einfach dort herumzustehen?", fragte jemand. Der Mann wirbelte herum und erblickte eine Frau mit rabenschwarzen Haaren, vollkommen in Schwarz gewandt und auf einem Felsen sitzend: Es war Lust, die Frau, die damals dem üblen Hohepriester Cornero den gefälschten Ring der Alchemisten angedreht hatte. ,,Sie sind also hier?", fragte der Mann. ,,Ich habe gehört, dass Fremde in die Stadt gekommen sind.", sagte Lust. ,,Ja, aber machen Sie sich keine Sorgen. Die Elric-Brüder haben sie verjagt.", entgegnete der Mann. ,,Da bin ich mir nicht sicher.", meinte Lust und schmunzelte. ,,Diese Kinder in Ihrer Villa könnten die eigentlichen Gauner sein." ,,Was?", fragte der Mann verdutzt. ,,Nun, da es so weit kommen musste, wird das Militär bald von den Forschungen hier erfahren.", sprach Lust weiter, erhob sich von dem Fels, auf dem sie gesessen hatte, und wandte sich zum Gehen. ,,Sie müssen bald das hier aufgeben, Magwar." ,,Bitte sagen Sie doch so was nicht! Lassen Sie mich noch ein wenig daran arbeiten!", flehte der Mann namens Magwar Lust an und warf sich vor ihr zu Boden. ,,Bitte geben Sie mir noch etwas Zeit! Ich schwöre, ich werde den Ring der Alchemisten vervollständigen!" ,,Dann beeilen Sie sich.", sagte Lust. ,,Benutzen Sie, was immer dazu nötig ist."
,,Deine Wange ist ganz schön angeschwollen.", meinte Fayt zu Leon, der seine rechte Wange, die einen besonders harten Schlag von einer Wache abbekommen hatte, gegen Fayts kühlen Metallkörper presste. ,,Das ist so kühl und so fühlt sich richtig gut an.", hauchte Leon zufrieden. Fayt kicherte belustigt. ,,Ich bin froh, dass mein Körper dir nützlich ist.", sagte er. Jemand kam aus der Stadt zu ihnen. Die beiden wandten sich um, eine der Wachen erwartend, und stutzten, als sie Vercio erblickten. ,,Sie sind doch derjenige, der vom Besitzer aus der Gaststätte vertrieben worden ist.", sagte Leon. ,,Wenn ihr keinen Ort zum übernachten habt, dann kommt mit.", sagte Vercio nur und ging wieder zurück.
Sein Haus lag am Rande der Stadt, ein wenig abgegrenzt von den anderen Häusern, um sein Haus herum jede Menge Zitronenbäume. ,,Danke. Sie haben uns gerettet.", bedankte sich Fayt bei ihm, als sie sich in die Küche setzten und Vercio sich an den Wasserhahn begab und kühles Wasser in einen Topf goss. ,,Ich kann Kinder doch nicht draußen schlafen lassen.", sagte er und stellte den Topf mitsamt eines Waschlappens auf den Tisch vor Leon hin, der sich damit die geschwollene Wange kühlen sollte. Er wandte sich zum Herd um. ,,Wollen Sie denn nicht unsere Namen wissen?", fragte Leon. ,,Ihr seid die Elric-Brüder, richtig?", sagte Vercio. ,,Dann glauben Sie uns?", fragte Fayt erleichtert. ,,Nein.", antwortete Vercio gleichmütig. ,,Aber ich glaube, dass man seine Gründe hat, wenn man sich als jemand anderes ausgibt. Ich bin schließlich nicht derjenige, der die Konsequenzen dafür tragen wird. Das seid ihr." ,,Sie scheinen nicht am Ring der Alchemisten interessiert zu sein.", meinte Leon. Vercio seufzte tief, dann sagte er: ,,Die Bewohner dieser Stadt können den Reichtum, denen ihnen einst das Gold brachte, einfach nicht vergessen... Deswegen handeln sie genauso, wie Magwar es will."
Der nächste Tag brach an. Leon wurde von einer übergut gelaunten Elisa geweckt, die lauthals rief: ,,Guten Morgen, Herr Vercio!" ,,Dein Papa wird böse werden, weil du mich schon wieder besuchst.", drang Vercios Stimme von der Küche her. ,,Ist schon in Ordnung.", kicherte Elisa. ,,Papa redet gerade mit mehreren Männern über die Goldmine. Er weiss nicht, dass ich hier bin." Leon, noch vollkommen verschlafen, und Fayt, der als Metallrüstung keinen Schlaf brauchte, kamen hinaus in den Flur. ,,Guten Morgen!", begrüßte Fayt die beiden anderen. ,,Ihr beide wart also hier?", fragte Elisa mit großen Augen und bemerkte Leons immer noch geschwollene Wange. ,,Oooh, das sieht schmerzhaft aus!", meinte sie. ,,Das ist die Strafe fürs Lügen." ,,Wir sind nicht diejenigen, die lügen.", fauchte Leon, seine Stimme ein wenig anders als sonst wegen der dicken Wange. ,,Diese Typen haben auf mich eingeschlagen, als wenn ich ein Kinderschänder wäre." ,,Also seid ihr die beiden, die sich in Magwars Villa geschlichen haben?", fragte Elisa. ,,Natürlich!", schrie Leon auf. ,,Wir können diese Betrüger nicht einfach tun und machen lassen, was sie wollen. Mit Hilfe des Rings der Alchemisten Gold herstellen zu wollen ist..." ,,Großer Bruder.", unterbrach Fayt ihn; Elisa sah traurig zu Boden. ,,Ich geh spazieren...", sagte Leon und verließ das Haus. ,,Großer Bruder!", rief Fayt ihm hinterher, doch er hörte nicht auf ihn. ,,Du da in der Rüstung!", rief Vercio von der Küche her. ,,Ja?", fragte Fayt. ,,Könntest du für mich zur Apotheke gehen?", bat Vercio ihn. ,,Ja.", sagte Fayt. ,,Ich möchte, dass du für mich Elisas Medizin holst...", erklärte Vercio. ,,Und du brauchst etwas, was die Schmerzen der Wange deines Bruders lindert."
Durch ein Fenster der Apotheke der Stadt beobachtete der Jüngere der beiden Betrüger-Brüder, wie Fayt, der die Blicke aller Patienten, fast alle ununterbrochen hustend, in der Apotheke, die gleichzeitig als Arztpraxis diente, auf sich zog, zur Theke ging, um die Medikamte zu kaufen. ,,Dieser Kerl in der Rüstung ist ein Betrüger.", zischelte eine Frau den anderen Patienten zu, wobei sie sich nicht darum scherte, dass sie so laut sprach, dass Fayt sie ganz genau hören konnte. ,,Wirklich? Ich hoffe, er verschwindet bald aus der Stadt.", erwiderte eine andere Frau empört. ,,Vielleicht waren sie es ja, die sich in Meister Magwars Villa geschlichen haben.", sagte die erste Frau. ,,Hey, du!", rief die alte Besitzerin der Apotheke, die mit einem Besen auf Fayt zustürmte. ,,Was willst du hier?" ,,I-Ich bin hier, um Medizin zu beso...", begann Fayt. ,,Wir haben hier keine Medizin für Lügner!", schrie die Alte und holte mit dem Besen nach Fayt aus, der kreischend aus der Apotheke rannte. ,,Oje... Jetzt kann ich keine Medizin besorgen.", seufzte er niedergeschlagen und wollte gerade davongehen, als der Jüngere der beiden Brüder zu ihm kam. ,,Ähm...", begann er schüchtern. ,,Du bist doch...", sagte Fayt verdutzt. ,,Ich besorg dir die Medizin.", bat der Jüngere an. ,,Was?", fragte Fayt verwundert. ,,Das ist... doch nur Gleichwertiger Tausch...", sagte der Jüngere. ,,...um wiedergutzumachen, dass wir gelogen haben."
,,Hier.", sagte der Jüngere, nachdem er die Apotheke verlassen hatte, und reichte Fayt die Medikamente. Die beiden setzten sich auf eine Parkbank in der Nähe. ,,Danke.", bedankte sich Fayt bei ihm. ,,Wir haben wohl beide Probleme mit unseren leichtsinnigen Brüdern, nicht wahr?" ,,Du bist nicht böse?", fragte der Jüngere. ,,Ihr habt eure Gründe, oder?", sagte Fayt. ,,Tut mir Leid.", sagte der Jüngere traurig. ,,Wir brauchten berühmte Namen, um uns an Magwars Forschungen beteilien zu können. Leonard Elric ist der einzige junge Nationale Alchemist." ,,Braucht ihr denn den Ring der Alchemisten so dringend?", fragte Fayt. ,,Mein Vater hat ihn sein Leben lang erforscht.", erklärte der Jüngere und ließ den Kopf hängen." ,,Euer Vater war also auch ein Alchemist?", fragte Fayt. ,,Ja.", antwortete der Jüngere. ,,Aber... eines Tages verschwand er ganz plötzlich und ohne Vorwarnung." Seine Hände begannen zu zittern. ,,Und nun zwingt sich mein großer Bruder dazu, seine Arbeit zu vollenden." Er begann zu weinen. ,,Bei meinem großen Bruder ist es genau andersherum.", sagte Fayt. Der Jüngere sah ihn verwundert an. ,,Mein großer Bruder hasst unseren Alchemie-Vater. Unser Vater war zu besessen von der Alchemie und hat unsere Mutter sehr traurig gemacht." Er sah zum Himmel hinauf. ,,Wir haben viele Menschen gesehen, die sehr wegen der Alchemie gelitten haben." Er sah wieder zm Jüngeren. ,,Wenn dein großer Bruder etwas Falsches tut, kannst nur du ihn aufhalten. Du darfst nicht zulassen, dass es eine andere Person tut, sonst wird dein großer Bruder noch dabei verletzt." ,,Hmm...", machte der Jüngere und sah zu Boden.
Die beiden wanderten eine Zeit lang die Stadt entlang, doch an dem Pfad zu Magwars Villa blieben sie stehen. ,,Das stört mich jetzt schon eine Weile...", begann Fayt, als er einen Mann an ihnen vorbeiging, der unter starkem Hustenreiz litt. ,,In dieser Stadt gibt es viele Menschen, die unter Husten leiden, oder?" Der Jüngere zuckte zusammen. ,,J... Ja...", stammelte er. ,,Ich frage mich, ob die Medizin auch helfen wird, den Husten zu stoppen.", wunderte sich Fayt. ,,Das ist...", begann der Jüngere, stoppte aber, als er seinen großen Bruder erblickte, der in der Ferne stand und auf ihn wartete. ,,Großer Bruder...", murmelte der Jüngere. ,,Tut mir Leid, ich muss los!", sagte er und rannte los. ,,Hey, du! Wie heißt du überhaupt?", rief Fayt ihm hinterher. ,,Fletcher!", rief der jüngere Bruder namens Fletcher ihm im Laufen zu. Fayt wollte gerade zu Vercios Haus zurückgehen, als ihm sein wutentbrannter großer Bruder entgegengerannt kam. ,,Großer Bruder?", rief er verwundert. ,,Was ist los?" ,,Ich hab den Betrüger gefunden. Den älteren Bruder...", erklärte Leon zornig. ,,Aber zwischendurch hab ich ihn aus den Augen verloren! Hast du ihn gesehen?" ,,Ähm... ja... aber er ist schon wieder weg.", antwortete Fayt. ,,Dieser Kerl stolziert hier rum und macht einen auf Lieb und Gut, indem er Pflüge und Reifen mit Alchemie mutiert.", grummelte Leon. ,,Aber das ist doch besser, als wenn er etwas Böses tut.", meinte Fayt. ,,Mir gefällt nicht, wie er es tut.", stellte Leon richtig. ,,Er ignoriert das Prinzip des Gleichwertigen Tausches." ,,Oh...", machte Fayt betrübt. ,,Fayt, wir schleichen uns heute Nacht wieder in die Villa.", sagte Leon entschlossen. ,,Was?", rief Fayt erschrocken. ,,Aber es ist doch erst ein Tag vergangen, seit wir uns das letzte Mal hineingeschlichen haben." ,,Genau deswegen. So schnell erwarten die uns nicht wieder.", entgegnete Leon.
Der ältere der beiden Brüder studierte die Teilchen des roten Wassers unter einem Mikroskop, jeder der beiden trug wieder einen Mundschutz. ,,Großer Bruder?", begann Fletcher zaghaft. ,,Ich möchte mit dir über etwas reden." Der Ältere war so sehr in seine Arbeit vertieft, dass er ihn nicht hörte. Fletcher ließ niedergeschlagen den Kopf hängen.
In der Nacht wurde Vercio vom Aufstampfen von Metall auf dem Boden aus dem Schlaf gerissen.
Diesmal schlichen sich Leon und Fayt an der Mauer entlang, die Magwars Villa umgab. ,,Heute benutzen wir die "Maulwurf-Strategie".", erklärte Leon. ,,"Maulwurf-Strategie"?", wiederholte Fayt verdutzt. Leon klatschte in die Hände und berührte den Boden, wo ein Loch entstand, das hinab ins Erdreich führte.
Eine halbe Stunde später voll Buddelarbeit - mit der Hilfe von Alchemie - blieb Leon plötzlich stehen. ,,So, jetzt müssten wir unterhalb der Villa sein.", meinte er. ,,Bist du dir sicher?", fragte Fayt. ,,Nun, irgendwo werden wir schon rauskommen.", sagte Leon schulterzuckend, klatschte in die Hände und berührte den Boden über ihnen, wo eine Falltür entstand, durch die sie stiegen. Sie kamen in einem Tunnel heraus, in dem sich ein Kanal entlangzog, durch den rotes Wasser floss; roter Dampf stieg daraus hervor. ,,Was ist das?", fragte Fayt mit Blick auf das rötliche Wasser. ,,Kann das...?", begann Leon mit großen Augen. ,,Kann das das Rote Wasser sein, aus dem der Rote Stein entsteht?" ,,Der Rote Stein?", wiederholte Fayt verwundert. ,,Ich hab mal ein Buch in Central City darüber gelesen...", erzählte Leon. ,,Er ist ein Gegenstand, der dem Ring der Alchemisten sehr ähnlich ist... Und es ist ein Stein, der durch Rotes Wasser erschaffen werden kann." ,,Also können sie den Ring der Alchemisten mit diesem Wasser erschaffen?", fragte Fayt. ,,Aber er wird nicht vollkommen genauso sein wie der richtige Ring der Alchemisten.", sagte Leon. ,,Ich hab gehört, dass irgend so ein Alchemist namens Nash-Irgendwas das Wasser und den Stein untersucht hat... aber die Forschungen sind nicht besonders gut verlau..." Er brach ab, von einem schlimmen Hustenanfall und Atemnot geplagt. ,,Großer Bruder?", fragte Fayt beunruhigt. ,,Mein Körper fühlt sich auf einmal so...", begann Leon keuchend und sackte zu Boden, bewusstlos. ,,Großer Bruder!", schrie Fayt ängstlich. ,,Hier lang!" erklang auf einmal Fletchers Stimme hinter Fayt. Er wirbelte herum und erblickte Fletcher mit Mundschutz, der eine Stahltür geöffnet hatte, die in einen der Räume von Magwars Villa führte. ,,Beeil dich!", rief Fletcher. Schnell warf sich Fayt seinen bewusstlosen Bruder über die Schulter und rannte in das Zimmer.
Als Leon wieder zu sich kam, erblickte er als erstes Fayt und Fletcher, die beide über ihn gebeugt waren. ,,Großer Bruder, bist du in Ordnung?", fragte Fayt besorgt. ,,Hä? Wo bin ich?", fragte Leon verwirrt, und als er Fletcher registrierte: ,,Warum bist du hier!?!" Fletcher zuckte zurück. ,,T... Tut mir Leid...", entschuldigte er sich und begann zu weinen. ,,Was? Warum weinst du jetzt auf einmal?", fragte Leon verdutzt. ,,Wenn du etwas weißt, Fletcher, dann sag es uns bitte.", bat Fayt Fletcher. ,,Dir gefällt das doch auch nicht, oder?" Fletcher sah eine Zeit lang unschlüssig drein, dann sagte er: ,,Das Rote Wasser ist für Menschen äußerst gefährlich. Aber wir brauchen es, um den Roten Stein zu erschaffen." ,,Ist das der Grund, warum so viele Menschen in der Stadt unter so starkem Husten leiden?", fragte Fayt. ,,Tut mir Leid...", entschuldigte sich Fletcher zitternd und versteckte sein verweintes Gesicht hinter seinen Händen. ,,Tut mir Leid..." ,,Meine Güte, das Zeug ist also gefährlich.", sagte Leon und stand auf. ,,Ich werde es uns vom Hals schaffen." ,,Das lasse ich aber nicht zu.", sagte Fletchers großer Bruder, der nun den Raum ebenfalls betreten hatte und einen roten Stein von Ping Pongball-Größe hochhielt. ,,Der Rote Stein ist bereits schon so groß.", sagte er. ,,Vater hat sich dafür selbst geopfert. Sein Tod wäre sinnlos, wenn seine Forschungen keinen Erfolg bringen würden." ,,Was soll den an diesem wertlosen Stein schon dra sein?", spottete Leon. Wütend griff der Ältere nach einer Leselampe neben ihm, die sich sofort mit einem grellen Lichtblitz in ein Schwert verwandelte. ,,Dieses Schwert ist doch auch nur ´ne Fälschung, richtig?", rief Leon, klatschte in die Hände und berührte seinen linken Auto-Mail-Arm. ,,Ich werde es zusammen mit deinem Stein zerbrechen!" Aus seinem Metallarm wurde schlagartig ein Dolch. ,,Auf geht´s!", brüllte er und stürmte auf den Älteren zu, der das Schwert schützend vor sich hielt; es bröckelte mehr und mehr. ,,Mein Dolch ist echt.", sagte Leon. ,,Verdammt!", fluchte der Ältere und trat Leon in den Magen, was ihn zurückwarf. Der Ältere berührte die Tür hinter sich, und sogleich schoss ein Wasserschlauch daraus hervor. ,,Was?!?", rief Leon verdattert. ,,Der Schlauch ist mit einem riesigen Tank voll Rotem Wasser verbunden.", erklärte der Ältere und lächelte hämisch. ,,Wenn du damit getränkt wirst, bist du erledigt. In Ohnmacht fallen ist nicht das einzige, was du dann tun wirst." ,,Zeig, was du drauf hast!", rief Leon und mutierte seinen Dolcharm in einen Schirm aus Metall, den er schützend vor sich hielt. Gleichzeitig drehte der Ältere den Schlauch auf und ließ das Rote Wasser auf Leon zu schießen. ,,Großer Bruder, sei doch nicht so leichtsinnig!", rief Fayt panisch. ,,Genau wie dein kleiner Bruder sagt: Geh nach Hause!!!", brüllte der Ältere. ,,Ich weigere mich!", rief Leon. ,,Ich werde nicht gegen einen Kerl verlieren, der blindlings seinem Vater folgt!" ,,Du...!", brüllte der Ältere und drehte den Wasserschlauch weiter auf, so dass der Strahl Roten Wassers noch stärker wurde. Langsam wurde Leon von dem Strahl zurückgedrängt, und rutschte schließlich aus dem vielen roten Wasser, das nun den Boden bedeckte aus. Es gab einen lauten Knall, und Leon schlug gegen die Zimmerwand, weggeschubst von Fletcher, der genau in die Pfütze aus Rotem Wasser fiel. Der Ältere stellte sofort den Schlauch ab, seine Augen vor Entsetzen geweitet, während sich Fletcher vor Schmerzen am Boden wälzte. ,,Fletcher!", rief Fayt und ob ihn schnell aus der Pfütze heraus. ,,Fletcher, reiß dich zusammen!" ,,Großer Bruder, Vater hat das Rote Wasser erforscht, um die Menschen glücklich zu machen, erinnerst du dich?", weinte Fletcher und sah mit vor Schmerzen zusammengekniffenen Augen zu seinem Bruder. Der ältere Bruder sah zu Boden. ,,Aber was wir tun, lässt die Menschen dieser Stadt nur leiden! Und du weißt das, großer Bruder! Wen interessiert schon Berümtheit? Vater... Vater wäre absolut nicht glücklich über das hier!" Der ältere Bruder erstarrte und sah zu Boden. Im selben Moment ertönte die Trillerpfeife einer Wache vom Flur her, was die vier im Raum Anwesenden erschrocken hochschrecken ließ.
Was nun?
Wer steckt dahinter?
