Anise Tatlin, ein Mädchen mit langen braunen Haaren von 16 Jahren, stand in ihrem Zimmer vor ihrem Spiegel - ein Maßband um ihren Busen - , in den sie grimmig starrte. ,,31, 5...", grummelte sie und ließ ihren Blick auf das Mittel auf ihrem Bett fallen, das einen größeren Busen innerhalb von 14 Tagen versprach. ,,Sie werden einfach nicht größer!" Wütend schmiss sie das Maßband zur Seite. ,,Ich kaufe nie wieder etwas von Straßenvertretern!" Seufzend ließ sie sich aufs Bett fallen und erhaschte einen Blick auf ihre Funkuhr. ,,Oh neeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiin!!!", kreischte sie laut, sprang auf, schmiss sich eine Bluse über und stürmte aus ihrem unordentlichen Zimmer ins nicht minder unordentliche Wonhzimmer der Wohnung, in der sie allein wohnte, da ihre Eltern, die viel unterwegs im Ausland waren, zur Zeit nicht da waren. ,,Ich muss mich beeilen!", schrie sie hysterisch, stolperte über eine am Boden liegende Flasche und knallte gegen die Balkontür aus Glas. Stöhnend griff sie sich ans Gesicht, und schrie dann noch lauter auf, als sie ihre Unterwäsche auf dem Balkon erblickte, die sie eigentlich schon gestern hätte abhängen sollen. ,,Oh nein, ich komm doch niemals rechtzeitig dort an!", schrie sie verzweifelt, stürmte auf den Balkon und begann hektisch die Unterwäsche von der Leine zu reißen. Dabei flog einer ihrer BH´s direkt über die Trennwand des Balkons und landete auf dem Kopf ihres Nachbars, Sora Cecille, ebenfalls 16 Jahre, ein bebrillter Junge mit rabenschwarzem zerzaustem Haar, der ebenfalls gerade die Wäsche für sich und seien kleinen Bruder abhing. ,,Mama, Papa, kommt endlich nach Hause!", heulte Anise, während sie die abgehangene Wäsche in einen Wäschekorb in der Nähe der Balkontür pfefferte. ,,Ich habe keine Lust mehr allein zu Leben!" Sie packte ihre Tasche, stürmte durch das Wohnzimmer hindurch zum Flur und hinaus zur Appartementtür, nur um auf dem Flur, der alle Appartements in dem Stockwerk des Hochhauses, in dem Anise und ihre Eltern lebten, Sora zu begegnen, der ihr genervt ihren BH hin hielt. ,,Aaaaaah!!!", kreischte Anise beim Anblick des Wäschestücks und grabschte es ihm aus der Hand. ,,Was zum Teufel soll das, Sora!?!", fuhr sie ihren Nachbarn an. ,,Was machst du mit anderer Leute Unterwäsche, du Perversling!" ,,Nun, ich war ganz bestimmt nicht davon beeindruckt, Flachtittchen.", entgegnete Sora schlicht, was ihm einen Schlag ins Gesicht von Anises Tasche einbrachte, der ihn zu Boden beförderte. ,,Was´n hier los?", fragte Soras noch schlaftrunkener kleiner Bruder Riku, der ebenfalls hinaus auf den Flur kam. ,,Nenn mich nicht noch einmal Flachtittchen!", fuhr Anise Sora an. ,,Wenn du das noch einmal tust - Freund aus Sandkastentagen oder nicht - bring ich dich um!" Sie stürmte zum Aufzug. ,,Die geht aber früh zur Schule...", meinte Riku und sah auf die Uhr an der Wand im Flur, die zeigte, dass es sieben Uhr morgens war. ,,Übrigens, großer Bruder, warum schläfst du auf dem Boden?" ,,Sieht es wirklich so, als würde ich schlafen!?! Dummkopf!", fauchte Sora, sprang auf und verpasste seinem kleinen Bruder eine Kopfnuss.
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Rastlos trottete Anise bei der Bushaltestelle in der Nähe des Hochhauses, in dem sich ihr Appartement befand, hin und her. Beruhig dich Anise, beruhig dich!, dachte sie und atmete tief ein und aus, während ihr Herz jedoch nicht auf sie zu hören schien und weiter heftig pochte. Jetzt heißt es alles oder nichts! Ein recht gut aussender Junge mit Stachelhaaren kam auf die Haltestelle zu, und Anise machte vor Schreck einen Hüpfer, während ihr ganzer Körper sich sogar noch mehr anspannte. ,,G... Guten Morgen, Lloyd!", begrüßte Anise den Jungen mit äußerst schriller Stimme. ,,Yo, Tatlin...", erwiderte der Junge namens Lloyd Curtiss schlicht. ,,D-Du kannst mich Anise nennen!", piepste Anise mit hochrotem Kopf. ,,Oh...", machte Lloyd. ,,Hey, du hast mir doch gestern ´ne E-Mail geschrieben, in der stand, dass wir uns hier treffen sollen. Also, was gibt´s?" Sieg oder Niederlage!, dachte Anise, schluckte schwer, nahm all ihren Mut zusammen und schrie Lloyd ins Ohr: ,,ICH LIEBE DICH!!! BITTE GEH MIT MIR AUS!!!" ,,Sorry... Es gibt da bereits ein Mädel, das ich sehr gern habe.", antwortete Lloyd. Anise erstarrte, ein Gefühl, als hätte ihr jemand gerade die Ohrfeige ihres Lebens verpasst. ,,Äh... ähm...", stammelte sie, peinlich berührt, ihr Gesicht sofort zu Boden gewandt. ,,Übrigens...", fuhr Lloyd fort. ,,Warum hältst du da einen BH in der Hand?" Kreischend sah Anise auf den BH in ihrer Hand, den sie vorhin Sora abgenommen hatte und noch immer festhielt. ,,Wie dem auch sei, ich muss jetzt los. Sorry.", sagte Sora und stieg in den Bus ein, der gerade an der Haltestelle angekommen war. Wie versteinert sah Anise dem wegfahrenden Bus nach, bis Sora, der sich nun ebenfalls auf den Weg gemacht hatte, neben ihr stehen blieb. ,,Mensch, jetzt tu schon den BH weg!", sagte er genervt zu ihr.
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,,Das nervt! Ich kann einfach nicht mehr!!", heulte Anise in der 5-Minuten-Pause in der Schule ihrer besten Freundin Chloe Falkner die Ohren voll, ihr Gesicht auf dem Tisch, um ihre Tränen zu verdecken. ,,Ich weiß schon gar nicht mehr, wie oft ich jetzt bereits eine Abfuhr erteilt bekommen habe!" ,,Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um dich...", meinte Chloe mit besorgter Mine. ,,Ich dachte, diesmal würde es klappen... Und obwohl ich mein Bestes gegeben hab, um gut genug für ihn zu sein...", schluchzte Anise und brach dann schniefend ab. ,,Menno, wenn ich doch nur so süß aussehen würde wie du, Chloe!" ,,Hä?!?", machte Chloe verdattert. ,,Das meinst du doch jetzt nicht wirklich, oder?" Anise stand erneut vor einem Weinausbruch. ,,Äääähm...", machte Chloe schnell, bemüht dies zu verhindern. ,,Weißt du, von der Seite her betrachtet siehst du ziemlich mysteriös aus, Anise." ,,Meinst du wirklich?", fragte Anise strahlend. ,,Eine mysteriöse Aura umgibt die Prinzessin der unerwiderten Liebe.", murmelte Sora im Vorbeigehen. ,,Ist das der Mund, der gerade gesprochen hat!?!", keifte Anise und zog ihm den Mund lang. ,,Immer musst du mich ärgern, Sora! Hast du keinen Anstand!?!" ,,Mach mich nicht für die vielen Zurückweisungen verantwortlich, du 28-a!" ,,Was war das!?!", brüllte Anise und stürzte sich auf ihn. ,,Hmm... Ich versteh die beiden wirklich nicht...", seufzte Chloe und schüttelte nur ihren Kopf.
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Nach der Schule schlenderten Anise und Chloe noch durch die Einkaufsstraßen und aßen Creppes. ,,Sag mal, Anise...", begann Chloe auf einmal und biss noch ein Stück ihres Creppes ab. ,,Du und Sora steht euch doch seit eurer Kindheit sehr nahe, also warum habt ihr dann noch nichts miteinander gemacht?" ,,Sehr nah?!?", wiederholte Anise ungläubig und mit großen Augen. ,,Mach mal halblang!" ,,Nun, mit ihm wäre es bestimmt nicht so kompliziert, oder? Ihr wärt bestimmt ein richtig süßes Paar.", meinte Chloe. ,,Komm mal wieder runter, Chloe!", sagte Anise aufgebracht. ,,Du kennst ihn nur, seit wir auf dem Gymnasium sind, aber ich kenne ihn länger... Der Kerl war unglaublich klein in der Grundschule, und er hat schon zu weinen angefangen, wenn man ihn nur als "doof" bezeichnet hat, weißt du? Lloyd Curtiss hingegen wäre genau der Richtige für mich." Chloe warf ihr einen undefinierbaren Blick zu. ,,Nun komm schon, sei nicht mehr traurig. Es gibt genügend Männer da draußen...", versuchte sie Anise aufzuheitern. ,,Wenn ich einen guten finde, werde ich versuchen, ihn für dich klarzumachen." ,,Ja, du hast Recht.", seufzte Anise trübselig. ,,Danke."
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Später wanderte Anise auf dem Heimweg allein durch den Park und begegnete unterwegs immer wieder Paaren, die sich verliebt anstarrten, sich hielten, kuschelten oder küssten, was ihre Stimmung sogar noch mehr senkte und sie fast jede Minute seufzen ließ. Manno..., dachte sie wehleidig. Was zum Teufel ist nur los?!? Alle hier sehen super-glücklich aus! Ich will auch so wie die Hand-in-Hand mit meinem Freund durch den Park wandern! Warum krieg ich nur immer einen Korb? Bedeutet das, dass ich in meinem Leben nie einen Freund kriegen werde?!? Und was dann?!? Werde ich niemals heiraten?!? Wenn das so weiter geht, werde ich nie die Freuden des Lebens erfahren!! Ich werde alleine und ehlendig vor die Hunde gehen und niemand wird... ,,Tweety! Tweet-Tweet-Tweeeeeeeeety!!!", drang es in der Nähe her zu ihr herüber und riss sie aus ihren Gedanken hoch. Sie sah sich verdutzt um und sah ein Handy, das am Boden lag. ,,Das hier macht also diese Geräusche!", sagte sie und hob das Handy mit dem komischen Klingelton auf. ,,Was ist das für ein widerlicher Klingelton?" ,,I may be small, I may be sweet, but, baby, I know how to move my feet!", erklang eine viel zu hohe Piepsstimme aus dem Handy, und erneut folgten diese nervtötende Geräusche. Sie drückte auf den Knopf, mit dem man den Anrufer entgegen nehmen konnte. ,,Hallo?", sprach sie ins Handy. ,,Oh, dem Himmel sei Dank, Mann!", erklang eine heitere Männerstimme aus dem Handy. ,,Bin isch froh! Wat würd´ isch nur tun, wenn isch dat Teil für imme verloren hätt!" Ein Mann..., dachte Anise. ,,Gott sei Dank hast du dat Teil vom Boden uffjehove!", sprach der Mann weiter. ,,Isch hab die janze Zäät anjerufen, in der Hoffunung, dat et jemand uffhäve würd´! Un' endlisch hat et uch jemand uffhejove!" Ziemlich schrecklicher Akzent..., dachte Anise schaudernd. ,,Oh ja! Isch möschte misch bei dir erkenntlisch zeije, also treff disch doch bitte mit mer!" ,,Hä?", machte Anise verdutzt.
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Wie versprochen, betrat Anise eine halbe Stunde später das vereinbarte Café, um dem Besitzer des Handys seine Mobiltelefon zurückzugeben. ,,Oh! Hier drüven! Hier drüven!", drang die Stimme eines jungen Mannes zu ihr herüber. Sie sah sich um und erblickte an einem Tisch in der Nähe wirklich einen jungen Mann, auf dem Kopf einen Hut, der in der oberen Hälfte ein Loch hatte, aus dem äußerst stachlige Haare - mit Hilfe von zu viel Haargel - herausragten, am Hut eine Linse klebend, in der sich die Umgebung - genauer gesagt Anises Brüste - enorm vergrößert und verzerrt widerspiegelte. Sein Gesicht wurde von schwarzer und blauer Schminke verziert und ließ ihn wie eine Art Indianer aussehen, jedoch ein moderner Indianer, denn damals kannte man sicherlich noch kein ärmelloses Hemd aus Leder und eine Hose aus Latex, beide viel zu eng, jedoch seinen schlanken Körper dadurch gut zur Geltung bringend. Beide Kleidungsstücke waren knallbunt, das Hemd in Knallgelb und -rot, die Hose in Grün und Blau gehalten. Verdutzt bemerkte Anise, dass der Mann die Beine übereinandergeschlagen hatte, was ziemlich ungewöhnlich war, da Männer führ gewhöhnlich ihre Beine beim Sitzen möglichst weit auseinander positionierten. ,,Ah, een Schulmädschen! Hab ich ´n Glück!", sagte der Mann fröhlich und winkte mit seinen behandschuten Händen zu Anise herüber. ,,Komm! Setz disch! Setz disch!", fuhr der Mann fort, da Anise keine Anstalten machte, sich hinzusetzen; dies kam daher, da sie erst jetzt die Latexstiefel mit viel zu hohen Absätzen bemerkt hatte, die der Mann trug. Hat der sich als Anime-Figur verkleidet, oder so?, fragte sich Anise, während sie sich an den Tisch setzte. Obwohl er ein ziemlich süßes Gesicht hat. ,,Hier, ähm... Ihr...", begann Anise und legte das Handy des Mannes auf den Tisch. ,,Ooooh, Gracías!", bedankte sich der Mann strahlend bei ihr und nahm einen riesigen Bissen vom Eisbecher der Größe einer 1,5 Liter Flasche, der vor ihm stand. ,,Kann isch dir wat bestelle?", fragte er Anise, und noch bevor sie etwas sagen konnte, wirbelte er herum und schrie quer durchs Café: ,,Hey, Bedienung, Karte! Dalli! Dalli!" Dann wandte er sich wieder an Anise und fuhr ohne Umschweife fort: ,,Du häst mir da wirklisch jeholfe, Määdsche! Isch bruch diese Süße her für mäne Arbät!" Er deutete auf das Handy, das er nun in seine viel zu enge Hose wegsteckte. ,,Arbeiten Sie... Sie als Schauspieler, oder so etwas in der Art?", fragte Anise zaghaft. ,,Ne, ne, isch bin nur ein änfacher Straßeverträter! Sieht man dat nisch?", entgegnete der Mann kichernd. Wer könnte das schon sehen???, dachte Anise ungläubig und ließ noch einmal ihren Blick über die seltsame Aufmachung des Unbekannten schweifen, der ihr gegenüber saß. Erst jetzt fiel ihr auf, wie groß dieser Kerl eigentlich war: Mindestens zwei Köpfe größer als Anise selbst, die zwar nun auch nicht wirklich eine Riesin war, sich jedoch im guten Mittelmaß bewegte. ,,Nun, isch bin mähr ene Art wandernder Verköfer.", erklärte der Mann und sah sie plötzlich mit leuchtenden Augen an. ,,Isch hab et! Als Dank dafür, dass de mään Handy jefunde hast, biet isch dir määne Dienste an!" Er zog einen Katalog hervor. ,,Isch üverhäuf disch met Produkten von de Firma, in de isch arväte: Kronos Heaven, natürlisch met Rabatt!" Ohjeee, der will mir irgendwas andrehen!, dachte Anise und erinnerte sich mit Schrecken an das Brustvergrößerungsmittel, das sie erst kürzlich von einem dubiosen Händler erstanden hatte, der jedoch weitaus normaler ausgesehen hatte als diese Person hier. ,,Tut mir Leid, aber ich habe kein Interesse.", entgegnete Anise, stand auf und wandte sich zum Gehen. Wusste ich doch gleich, dass er verdächtig aussieht., dachte sie gleichzeitig. ,,Isch hab her wat, dat lässt disch in eenem Tach 5 Kilo verliere!", rief der Mann mit diebischem Lächeln. Anise blieb stehen, kurz davor, sich umzudrehen. Sei stark, Anise! Sei stark, Anise! Nicht schon wieder auf so was reinfallen! ,,Man sieht sich!", sagte sie und machte mehrere Schritte weiter in Richtung Ausgang. ,,Ach, sei doch nitte so!", quängelte der Mann. ,,Givt et denn nix, wat de möchtest? Sag mir irgendwat, Kosmetik, Push-Ups, und isch..." Anise blieb stehen, starrte eine Weile zu Boden, dann wandte sie sich wieder zu dem Mann um und sagte: ,,Schön, dann besorgen Sie mir einen Freund!" Der Mann sah sie nur an. ,,Was ich mir momentan am allermeisten wünsche, ist ein Freund!" ,,Heh...", machte der Mann, und ein breites, vergnügtes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. ,,Is dat alles?", fragte er. ,,Hä?", machte Anise verwirrt. ,,Dat hättest de auch früher saje könne." Er zog eine Visitenkarte aus seiner Hose hervor, die er Anise reichte. ,,Schalt deene Computer an und gib de Adresse in, die uff de Karte stäht." Er tippte ihr auf die Stirn. ,,Aver dat bläbt een absolutes Jehämnis. Isch bläv mit de in Verbindung." Er schritt zum Ausgang davon. ,,Ma sieht sisch, Anise." Er verschwand aus dem Café. Anise betrachtete noch eine Weile die Visitenkarte, dann schrak sie hoch. ,,Moment mal, woher weiß er, wie ich heiße?!?", rief sie verdutzt. Sie rannte aus dem Café, dem Mann hinterher. ,,Warten S...!" Doch der Mann war bereits verschwunden, weit und breit keine Spur mehr von ihm.
